Donnerstag,
18. August 2011: Oslo – Galten Gård (Engerdal)
Wir
landen gegen 13 Uhr, nach rund 90 Minuten Flug von Berlin, auf dem
Flughafen von Oslo. Bei der Fahrt nach Norden passieren wir den
Großraum von Oslo, eine Ansammlung ineinander übergehender
Gemeinden, die aber ihren ländlichen Charakter weitestgehend
bewahrt haben, passieren dann den Mjøsa, einen unendlich langen
See, über dem sich gerade ein Regenbogen gebildet hat.
Hier
beginnt nun auch die Hedmark, eine der zwei norwegischen
Provinzen, die nicht ans Meer grenzen, in der es keine Fjorde
gibt. Dafür führt die schmale Straße nun durch dichte Wälder,
hinter denen sich fast kahle, baumlose Hügel erheben.
Gegen
17 Uhr haben wir unser Ziel, den Hof von Galten
Gård in der Gemeinde Engerdal
erreicht. Das Anwesen besteht aus mehreren
Wirtschaftsgebäuden, einem Haupt- und etlichen kleineren
Nebenhäusern, alles aus Holz gebaut, wobei bei einigen dieser
Bauten das Dach mit Gräsern und Dächern bepflanzt ist – Wärmedämmung
auf die natürlichste Art und Weise.
Seit
den 1860-er Jahren gibt es diesen Bauernhof am Ufer des Galtensjøen
nun schon, seit dieser Zeit durchgehend im Besitz immer der
gleichen Familie, die seit 1892 allerdings ihr Geld auch mit dem
Tourismus verdient. 1892 zogen hier nämlich die ersten Gäste
ein, Engländer, die in dem See fischen wollten. Inzwischen ist
der Tourismus natürlich das Hauptgeschäft, sind die Kühe, über
die der Hof noch verfügt, auf einem Gut in der Nähe
untergebracht, werden statt dessen vor allem im Sommer zwischen 50
und 60 Betten an die Besucher vermietet.
Die
kommen immer noch vor allem zum Fliegenfischen, fangen in dem rund
vier Meter tiefen Galtensjøen, einem kleineren Nebensee des
Femund-Sees, unter anderem Hechte. Bis in den September geht diese
Angelsaison – und im Winter folgt die Zeit des Eisfischens.
Wir
unternehmen noch einen abendlichen Spaziergang an den See, zu
einer kleinen Anlegestelle, an der die Ruderboote fest gemacht
sind. Doch dieser Bootssteg ist auch der einzige menschliche Bau,
den man am Ufer sehen kann. Ansonsten ist der Galtensjøen nur von
Wald umgeben.
Nordische
Lichtverhältnisse im späten Sommer: Erst gegen 22 Uhr wird es
langsam dunkel.
Freitag,
19. August
2011: Elgå – Femund-See – Femundsmarka – Røvoltjønnan
Noch
kurz vor zehn Uhr verlassen wir wieder im Bus Galten Gård, fahren
ein gutes Stück am See vorbei – und auch an der Grenze zu
Schweden. Die Straße führt immer noch durch das Gebiet der
Gemeinde Engerdal, einer Landgemeinde, flächenmäßig von den
Ausmaßen einer Großstadt, aber mit gerade 1400 Einwohnern.
Am
Straßenrand steht eine Rentierkuh mit ihrem Kalb, kurz darauf
begegnen wir einer ganzen Herde, braunen und weißen Tieren,
darunter auch einige Böcke mit beeindruckendem Geweih.
Elgå
präsentiert sich als ein in die Länge gezogenes Straßendorf,
bestehend aus roten und gelben Holzhäusern, dazu einem kleinen
Hafen am Femund-See. Hier stellen wir unser Gepäck, das wir in
den nächsten Tagen nicht benötigen, zunächst in unserem Hotel,
dem Femund Fjellstue, ab, steigen dann Bord der Fæmund 2, einer
schon einige Jahrzehnte alten, kleineren Fähre, die in den
Sommermonaten nun täglich ihre – wenigen – Passagiere zu den
anderen winzigen Häfen am Femund bringt.
Gegen
12 Uhr legt das ehemalige Frachtschiff ab, eine halbe Stunde haben
wir die erste Station erreicht. Revlingen heißt dieser Hafen, der
aber nicht viel mehr ist als ein kleiner Steg, zwei Holzhütten,
und, etwas weiter ab am Kiesstrand, einem Schuppen.
Der
Aufenthalt dauert nur wenige Minuten, dann geht es schon weiter über
den See. Am Ufer des Femund steht überall noch der Wald, die Hügel
dahinter sind, wie schon auf dem Weg hierher, kahl. In rund 600
Metern Höhe beginnt in diesem Teil Norwegens die baumlose Zone,
das Fjell.
Gegen
13.10 sind wir im nächsten Hafen, nun noch kleiner als der von
Revlingen, wohl so unbedeutend, dass bei der Anfahrt nicht einmal
sein Name über den Bordlautsprecher ausgerufen wurde. Mehr als
eine einzelne einsame Hütte am bewaldeten Ufer gibt es hier auch
nicht zu sehen.
Der
nächste Hafen erscheint im Vergleich dazu geradezu gewaltig.
Femundshytten. Die Anlegestätte ist hier richtig ausgebaut, etwas
weiter weg steht sogar ein größeres Gebäude, vielleicht ein Gästehaus.
Um
14 Uhr haben wir das Ziel unserer Bootsfahrt erreicht, den Hafen,
von dem aus wir unsere Wanderung in den Nationalpark Femundsmarka
starten. Zunächst für der Weg – wobei man von ausgewiesenen
Wanderwegen hier eigentlich nicht sprechen kann – über ein
Steinfeld auf eine Anhöhe, dann, dabei immer auf der Anhöhe
bleibend, die Røa entlang, ein schnell fließender Fluss, voller
Strudel und Stromschnellen, aber wohl nicht besonders tief.
Nicht
nur, um nicht über einen der unzähligen Steine zu stolpern,
sollte man immer wieder auf den Boden schauen. Ziemlich häufig stößt
man auf die Losung eines der hier lebenden Wildtiere, einer aus
unserer Gruppe entdeckt einen Lemming.
Eigentlich
sollte der Weg zu unserem Zeltplatz zwischen fünf und sieben
Kilometer entfernt sein, aber es ist schon einiges mehr – und
angesichts der Geländeverhältnisse schaffen wir auch nicht mehr
als etwa zwei Kilometer in der Stunde.
Die
Røa macht an einer Stelle einen Knick, an
einer Stelle, an der auch eine Brücke über den Fluss führt,
doch wir bleiben auf „unserer“ Seite, passieren hier erst
einmal eine morastige Urlandschaft, an die sich dann ein
nordischer Urwald anschließt. Und schließlich sind auf der
Hochebene, einer eiszeitlich geprägtem fast gänzlich baumlosen
Landschaft, übersät mit Feldsteinen jeder Größe, die die
wandernden Eismassen vor Jahrtausenden hier zurück gelassen
haben. Das ist die Region von Grøtådalen,
durchzogen von Seen, aber auch riesigen Pfützen und Wasserläufen,
den Spuren der spätsommerlichen Regenfälle, bewachsen von Moosen
aller Art. Ab und an gibt es auch einen flachen Strauch mit den
schmackhaften Moltebeeren, einer Beerenart, die fast wie ein
Multivitaminsaft mundet.
Das
sind die Weideplätze der Rentiere. Erst sehen wir, ein gutes Stück
von unserem Weg entfernt, eine einzelne Rentiermutter mit ihrem
Kalb, später, an unserem Zeltplatz am Ufer des Røvoltjønnan,
einem der größeren Seen der Region, dann eine ganze, vielleicht
ein gutes Dutzend Tiere zählende Herde, die sich, fast ohne
Scheu, sogar unseren Zelten nähert. Der Leitbock ist mit einem
Halsband markiert – denn die hier lebenden Rentiere sind nur
halbwilde Tiere. Die Herden gehören den Familien der Samen, die
rund um den Femundsee leben.
Der
Røvoltjønnen soll ein recht fischreicher See sein, beliebt bei
einheimischen Anglern. Auf der gegenüber liegenden Seite Seines
Ufers ist gerade noch ein weiteres Lager, von dem aus man einige Männer
sieht, die dort ihre Angeln ausgeworfen haben.
Wir
bereiten über einer Feuerstelle unser Abendessen, Rentiergulasch
mit Pilzen, ziehen uns dann in die Zelte zurück. Inzwischen
regnet es immer wieder.
Samstag, 20.
August 2011: Røvoltjønnan – Svukuriset
Fast
die ganze Nacht prasseln die Regentropfen auf das Zeltdach, bilden
die ständige Geräuschkulisse, wobei diese Geräuschkulisse den
Regen aber heftiger erscheinen lässt, als er tatsächlich ist.
Eigentlich nieselt es nur...
Wieder
lassen sich die Rentiere in der Nähe des Zeltplatzes sehen, und
einige Enten fliegen über den See.
Gegen
11.30 Uhr breche ich mit einem der Ranger vom Zeltplatz auf zum
nahe gelegenen, etwa drei Kilometer entfernt am Femund liegenden
Boot auf. Der Weg ist diesmal um einiges leichter als gestern,
zwar auch das kein richtiger Weg, aber einige markierte Steine
zeigen immerhin die Richtung an, der man folgen muss. Und vor
allem geht es nun nicht mehr rauf und runter, verläuft die
Strecke diesmal ziemlich eben. Nach einer kurzen Wanderung durch
das Fjell erreichen wir bereits den Wald, sind nach einer knappen
Stunde dann auch an dem „Hafen“, an dem das Boot liegt, das
mich nun über den Femund wieder zurück nach Revlingen bringt.
Rund 40 Meter ist der Femund tief – aber doch so kalt, wie mir
der Ranger erzählt, dass selbst die Einheimischen hier im Sommer
nicht baden gehen.
In
Revlingen werde ich mit dem Wagen von Niklas Hedlund, dem
schwedischen Leiter der vom DNT, dem norwegischen Wanderverein
betriebenen „Hütte“ Svukuriset
abgeholt. Die Hütte liegt ungefähr vier Kilometer von Revlingen
entfernt, ist über eine ordentliche Piste auch für Autos
erreichbar.
„Hütte“
ist für diese Einrichtung des DNT aber nicht ganz die richtige
Bezeichnung. Die Anlage, in unmittelbarer Nachbarschaft zu einem
Bauernhof, an einem kleinen Bach gelegen, besteht aus einem
Hauptgebäude mit dem Restaurant und der Rezeption, einem Gästehaus
mit mehreren Zimmern, und einem Wirtschaftsgebäude, in dem sich
auch die Duschen und Toiletten befinden. In den 1920-er Jahren
wurde die Hütte errichtet, ist nun zwischen Ende Juni und Mitte
September geöffnet, beherbergt in dieser Zeit jährlich rund 1400
Gäste.
Am
Abend erzählt Niklas Hedlund einiges über die Geschichte der
Region. Die war schließlich nicht immer Naturschutzgebiet! Im 19.
Jahrhundert, der Zeit, in der auch die benachbarte Farm gegründet
wurde, hatte man hier noch Kupfer verhüttet, wovon auch heute
noch Spuren im Park zu finden sind.
Sonntag,
21. August
2011: Svukuriset – Elgå
Rund
vier Kilometer lang ist der Weg, die Piste, von unserer Herberge
zur Anlegestelle Revlingen, ein Weg, der zumindest in dieser
Richtung geradezu angenehm zu laufen ist, weil es immer ganz sanft
bergab geht. Unterwegs sehen wir einige Rentiere, die hier auch
ihre Winterkoppel haben, dazu etliche Lemminge, die, allerdings
immer allein, nie in Gruppen, die Piste überqueren, zu dem
unterhalb der Straße verlaufenden Fluss ziehen.
Um
11.30 Uhr legt die Fæmund 2 in Revlingen an, bringt uns nun zurück
nach Elgå, wo wir zunächst in unserem Hotel
einchecken. Das Femund Fjellstue ist allerdings mehr eine Pension
als ein Hotel, ein Familienunternehmen mit Gästezimmern auf zwei
Etagen, wobei auch die Familie mit im Haus wohnt, einem Speiseraum
und einem angeschlossenen Campingplatz.
Dann
besuchen wir am Hafen die Femund Fiskerlag, die Fischfabrik des
Ortes, auch die nicht viel mehr als ein kleiner roter Holzbau, in
dem von den Arbeitern momentan aber immerhin rund 1000 Kilo Fisch
am Tag verarbeitet werden – wobei die Arbeiter alle Saisonkräfte
sind, die aus Polen, Russland oder Lettland kommen.
Unser
nächstes Ziel ist das Nationalparkcenter, 2005 errichtet im Stil
eines Samen-Zeltes, dazu mit einem kleinen Vorbau. Im ersten Stock
sind Kopien von Steinzeitwerkzeugen, die man hier gefunden hat,
ausgestellt, Beispiele für die Flora und Fauna der Region rund um
den Femund, Werkzeuge und Kleidungsstücke der Samen, meist
gefertigt aus Leder, dazu einige Relikte aus der Zeit des
Kupferabbaus.
Im
oberen Stockwerk sieht man einige alte Schwarz-Weiß-Fotos des
Stor-Hans, eines inzwischen legendenumwobenen Einsiedlers, der
1908 aus Schweden an den Femund kam, wohl auf Flucht vor den Behörden,
angeblich, weil er eine Kuh gestohlen haben soll, möglicherweise
aber auch, wie andere mutmaßten, weil er seine Familie erschlagen
hat. Sicher ist jedenfalls: Rund vier Jahrzehnte lebte der
Sonderling in der Einsamkeit des heutigen Nationalparks, hatte
dort eine Hütte errichtet, mied, bis auf wenige Ausnahmen, jeden
Kontakt zu Menschen.
Bei
einem Besuch in der Kirche hören wir dann einiges zur jüngeren
Geschichte der nun noch rund 50 Einwohner zählenden Ortschaft.
Bis 1953 hatte Elgå nicht einmal eine Straßenverbindung zum
Gemeindezentrum von Engerdal, wozu auch dieser Weiler gehört –
aber dafür gibt es immerhin so etwas wie einen Supermarkt und
sogar seit rund hundert Jahren eine eigene Dorfschule, immer noch
das größte und ansehnlichste Gebäude im Dorf.
Am
Abend präsentiert Jan Nordvålen, seit 16 Jahren Ranger im Park,
die Landschaft- und Tiersaufnahmen, die er dort in den wechselnden
Jahreszeiten aufgenommen hat. Ein Foto von Bären ist nicht dabei:
Zwar leben in Norwegen auch Braunbären – aber während seines
bisherigen Berufslebens hatte der Ranger erst einmal einen Braunbären
im Nationalpark gesehen.
Montag,
22. August 2011: Elverum - Oslo
Bei
der Fahrt nach Süden sehen wir am Waldrand neben der Straße nach
Elverum unseren ersten – und einzigen –
Elch bei dieser Reise. Eigentlich sollten die Tiere, die ja auch
gejagt werden, eher scheu sein – doch bei diesem Exemplar ist
davon nichts zu spüren. Es sitzt ruhig auf seinem Platz,
beobachtet neugierig den spärlichen Verkehr, zeigt aber keine
Spur von Unruhe.
Ausgestopfte
Elche, Wildkatzen, Moschusochsen und andere Tiere gibt es dann im
Waldmuseum von Elverum, der letzten Station unserer Reise durch
die Hedmark, zu sehen. Und hier gibt es dann auch Bären, nicht
nur die verhältnismäßig kleinen Braunbären Norwegens sondern
auch Grizlys aus Alaska und den noch etwas größeren
Kamtschatka-Bären, aber eben alle nur in ausgestopfter Form.
Eine
Besonderheit des Waldmuseums dazu: Die Besucher können markieren,
wo in Norwegen sie welches Tier gesehen haben, eine Möglichkeit,
von der offensichtlich, der Karte nach zu urteilen, auch reichlich
Gebrauch gemacht wird.
Der
sehenswerteste Teil des Museums ist aber in den Kellergewölben:
In den Bassins des Aquariums ist die ganze Pflanzen- und Fischwelt
der norwegischen Flüsse und Seen zu bewundern, aus nächster Nähe
– und hier nun überaus lebendig.
Allerdings
haben wir für unseren Aufenthalt im Museum nicht viel mehr als
eine Stunde – bevor wir weiter zum Flughafen von Oslo fahren, um
dort unseren Rückflug anzutreten.
Online: