Eine Montenegro-Reise entlang mittelalterlicher Adria-Städte von Budva nach Kotor, zum Skutari-See und durch die Schluchten des Balkan

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Montenegro: Albaner, Serben, Montenegriner zwischen Adriaküste und Balkan-Schluchten

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Budva - Kirche und Hauptplatz gleich an der Stadtmauer  In den Gassen des mittelalterlichen Kotor Sveti Stefan - ein Dorf, gebaut als Insel-Festung Im Kloster Recevici wird die Gastfreundschaft gepflegt

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In der Bojana haben die Fischer ihre Netze ausgelegt" Ländliches Leben in den albanischen Dörfern  In den Bergen des Nationalparks Durmitor Dörfliche Städte - hier am Rande von Gusinje

Moraca zählte im Mittelalter zu den großen Klöstern

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Vranjina am Skutari-See - das Klein-Venedig Montenegros

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Die Reiseroute: Tivat - Budva - Cetinje - Njegusi - Kotor - Perast - Sveti Stefan - Rezevici - Bar - Stari Bar - Ulcinj - Ada Bojana - Ostros - Virpazar - Skutari-See - Kurac - Rijeka Cronojevic - Pivisko-Stausee - Scepan Polje - Tara-Schlucht - Nationalpark Durmitor - Zabljak - Schwarzer See - Durdevica Tara (Tara-Brücke) - Plav - Gusinje - Kolasin - Biograd-See - Kloster Moraca - Podgorcia - Vranjina - Petrovac

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Donnerstag, 6. Juni 2002: Tivat – Budva

Ruhiger kann ein Flughafen kaum sein: Etwa gegen 6.30 Uhr morgens landen wir nach zwei Stunden Flug von Leipzig aus auf dem Flughafen von Tivat, und unsere Maschine ist die einzige, die weit und breit auf dem Rollfeld zu sehen ist. Ein Rollfeld, eine Abfertigungshalle, umrahmt von grünen Bergen – so heißt Montenegro seine Besucher willkommen.

Das Gepäck läuft über ein altertümliches Förderband, die Passkontrollen sind eher lasch – aber dafür wird das Gepäck noch einmal beim Verlassen des Flughafens durch das Röntgengerät geschickt. Die ganze Einreiseprozedur dauert keine halbe Stunde, und nachdem die Passagiere unseres Fluges abgefertigt sind, kann der Flughafen von Tivat wieder in seinen Dornröschenschlaf fallen.

Die Fahrt von Tivat nach Budva dauert etwa 20 Minuten und führt über eine schmale, kurvenreiche Straße, vorbei an einigen wenigen kleinen Dörfern, aber mitunter sieht man minutenlang auch gar kein Haus, sondern nur die dichten Wälder auf den Hügeln und Bergen. Dann folgt schließlich ein erster Blick auf die Küste: Ein weißer Flecken Strand in einer Bucht, menschenleer, scheinbar noch unberührt,

Das Avala, unser Hotel, liegt unmittelbar, nur durch einen Platz getrennt, gegenüber der aus dem 14. Jahrhundert stammenden Stadtmauer, die den wirklich kleinen historischen Kern in Gänze umschließt. Das Avala dagegen stammt aus titoistischer Zeit, seine Zimmer sind schon etwas verwohnt und der weiß-blaue Speisesaal einfallslos gestaltet. Aber die Lage am Meer und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Altstadt macht es eben zu dem Budva-Hotel schlechthin.

Vor dem Mittagessen unternehmen wir einen kleinen Spaziergang durch die Altstadt. Die Mauer umfasst ein Areal, das kaum größer als etwa eine mittlere deutsche Burg ist, die vier Stadttore nicht wesentlich größer als die Eingangstüren eines Kinosaales, in jedem Fall aber zu klein, als dass jemals ein Pferdewagen hier hätte durchfahren können. Die Gassen zwischen den hellgrauen Steinhäusern wären aber auch ohnehin zu eng für jedes Gespann gewesen, und was hier Platz genannt wird, ist kaum mehr als eine etwas verbreiterte Gasse. Budva, zumindest das historische, war und bleibt die Stadt der Fußgänger.

Und die Stadt der Boutiquen, der Pizzerien, Cafés oder Schmuckläden, ausgerichtet auf Touristen, die aber seit dem Krieg, der Montenegro selbst nicht erreichte, wegblieben – und nun nach dem Ende der Sanktionen gegen Jugoslawien nur spärlich zurückkehren. So warten die Verkäufer, meist die Verkäuferinnen in den teuren Läden auf Kunden, die es noch nicht gibt.

Nach wenigen Metern gegen wir durch eine Nebengasse hinaus aus dem ummauerten Teil zum Kiesstrand, setzen uns in eines der Strandcafés, zahlen wir einen Espresso 50, für ein Mineralwasser 80 Cent. Von hier blickt man auf den Kirchturm in der Stadt und auf ein mächtiges Gebäude, das zur Meerseite hin die Stadt abschließt und an dessen Mauern sich nun ständig die Wellen brechen.

Gegen 16 Uhr brechen wir dann noch einmal zu unserer nun geführten Stadtbesichtigung auf.

Budva, so erzählt die Legende, soll etwa um 500 vor Christus von dem punischen Prinzen Kadmos gegründet worden sein, sah in jedem Fall, so belegen die Ausgrabungen, griechische, römische und byzantinische Besitzer – und verdankt seine jetzige Gestalt den Baumeistern der Renaissance: Die trotz ihrer bescheidenen Gesamtausmaße imposante Stadtmauer stammt aus dem 15. Jahrhundert, wurde aber, wie die komplette Stadt, 1979 bei einem Erdbeben zerstört und dann absolut originalgetreu wieder aufgebaut.

Vor der Tür einer der zahlreichen Kleiderboutiquen macht uns unsere Stadtführerin auf das zwei bis drei Meter unterhalb des Ladens befindliche frei liegende Gewölbe mit den Resten antiker Säulen aufmerksam. Diese Überbleibsel, beim Erdbeben frei gelegt,  stehen immer noch auf der ursprünglichen Höhe der Stadt, repräsentieren ihre älteste Grabungsschicht.

Ein winziger Platz, mehr ein Plätzchen, geschmückt mit einer modernen Skulptur, ist Budvas Dichterplatz, dienst bei den vielen sommerlichen Festivals als Kulisse für Lesungen  Budvas Hauptplatz liegt unmittelbar an der Stadtmauer: Hier liegen sich die römisch-katholische und die serbisch-orthodoxe Kirche unmittelbar gegenüber, befindet sich das nun mitunter als Konzertsaal genutzte mittelalterliche Kloster, jenes Gebäude, dass wir als wellenbrechenden „Außenposten der Stadt“ bereits vom Strand gesehen hatten und erhebt sich schließlich ebenfalls mit der Mauer verbunden die aus der Zeit der K.u.K.-Monarchie stammende Zitadelle. Zu Füßen der Zitadelle finden sich – Folge des Erdbebebens – die Fundamente eines alten Brunnens und die Grundmauern eines aus der Antike stammenden Gebäudes.

Von diesem Platz nun beginnt unser Spaziergang über die rundum erhaltene – korrekter: rundum wieder hergestellte – Stadtmauer. Die ist immerhin so breit, dass auch an der schmalsten Stelle zwei Fußgänger bequem nebeneinander laufen können, verfügt an jeder ihrer vier Ecken, die Stadt ist fast quadratisch angelegt, über einen kleinen „Platz“ und einen allerdings wahrlich winzigen Wehrturm.

Mitten in der Bucht liegt die Insel St. Nicola, wobei es sich eigentlich sogar um zwei Inseln handelt, weil an der der Stadt zugewandten Seite ein Teil des Felsens vom Hauptstück abgebrochen ist und nun als steinerner Klotz im Meer liegt, den jetzt wie eine bewaldete Rampe aussehende Hauptteil allein zurück lassend. Früher, so unsere Stadtführerin, hatten die Fischer auf diesem Eiland, immerhin die größte zu Montenegro gehörenden Inseln, dort ihre Weinterrassen; heute ist das Stück im Privatbesitz und beherbergt ein Restaurant, das gerade, alte Bausünden lassen grüßen, zu einem überproportionierten hässlichen Betonklotz ausgebaut wird.

Der alte Kern von Budva, so erfährt man beim Spaziergang auf der Stadtmauer, ist von allen Seiten vom Wasser umgeben, nur durch eine schmale Landzunge mit dem Festland verbunden Und: Trotz aller Enge innerhalb der Mauern scheinen die Bewohner bemüht, jedes verfügbare Stück Grün zu erhalten, halten sich die Hausbesitzer mit einem Grundstück im Schatten der Stadtmauer ihre kleinen Gärten, wachsen hier Mistel- und andere Bäume, hält sich einer der Gärtner sogar Puten.

Vor der Rückkehr ins Hotel werfen wir noch einen Blick in den Supermarkt im „modernen“ Teil von Budva: Etwas über hundert Euro soll das monatliche Durchschnittseinkommen eines Montenegriners betragen: Die Lebensmittel, die im Supermarkt angeboten werden, sind meist Importware, zum teil teurer als in Deutschland. Eine lange Stange Weißbrot gibt es allerdings schon für 35 Cent.

Freitag, 7. Juni 2002: Budva – Cetinje – Njegusi – Kotor – Perast – Budva 

Dass  Budva natürlich nicht nur aus Altstadt besteht, sehen wir bei unserem Zwischenstopp auf dem Weg nach Cetinje: Rundblick auf die Bucht von Budva. Die ummauerte Altstadt erscheint aus der Höhe als ein winziger vorgelagerter Fleck des sich an allen Hängen der Berge ausbreitenden Ortes. Von St. Nicola dagegen sieht man nun die ganzen Umrisse, und die Insel beherrscht mit ihrer Größe tatsächlich die ganze Bucht.

Unser erstes Tagesziel ist das in Bergen nördlich von Budva gelegene Cetinje, einst Residenz der montenegrinischen Fürsten und des einzigen Königs des Landes, heute bei Montenegro-Besuchern vor allem wegen seiner Museen bekannt.

Das Kloster, ein lang gezogener grauer Bau, von dem die Gründung Cetinjes als Fürstensitz ausging, stammt zwar bereits aus dem 15. Jahrhundert – doch der Ort selbst entwickelte sich erst im 19. Jahrhundert, so dass sich hier keinerlei mittelalterliche Spuren finden. Bei der Einfahrt in die Stadt macht uns Natascha, unsere heutige Begleiterin, bei einer kleinen Kirche auf eine Besonderheit aufmerksam: Die Eisenstäbe, die den Zaun um die Kirche herum bilden, sind Bajonette aus der Zeit der Türkenkriege.

Vor allem um die Türkenkriege geht es auch im Museum des Königs Nikola, untergebracht in der alten königlichen Residenz, ein eher bescheidener zweistöckiger roter Bau, auf den ersten Blick nicht einmal unbedingt als herrschaftliches Schloss auszumachen. Seit 1926 dient dieses einstige Königsschloss nun als Museum für die montenegrinische Geschichte – insbesondere als Museum für die eher kurze Geschichte des Königreiches.

Im ersten Stock sind die Waffen des Königs ausgestellt, die diversen Uniformen und die Trachten, in denen die Montenegriner in die Schlacht zogen, dazu die von den Türken eroberten Fahnen, angeblich noch mit den Originalblutflecken der gefallenen Feinde.

Im oberen Stockwerk geht es etwas ziviler zu:  Schließlich war Nikola dank seiner neun Töchter mit den wichtigsten Dynastien Europas verschwägert, und so hängen denn in den diversen Salons des zweiten Stocks die „Familienbilder“ der russischen Romanows, der Herrscher des Hauses Savoyen oder von Mecklenburg-Strelitz, alles Verwandte des Königs eines Balkan-Kleinstaates.

Cetinje galt bereits im alten Jugoslawien als die führende Museumsstadt – und ein Wegweiser vor dem Schlossplatz zeigt die Richtung zu den wichtigsten Museen der Welt, jeweils mit Entfernungsangaben, vom rund 800 Kilometer entfernten Vatikan bis zur Eremitage. Museal ist auch der Museumsführer, den ich für fünf Euro an der Kasse kaufe: Gedruckt 1972, die aktuellste Literatur, die gegenwärtig vorrätig ist.

Zum nächsten Museum sind es nur wenige Schritte – und das Prachtstück des Kunstmuseums, das erst seit wenigen Monaten hier in einem eigenen abgedunkelten Raum hängt, ist in diesem Führer noch nicht verzeichnet: Eine mindestens aus dem 14. Jahrhundert stammende Ikone mit dem inzwischen total verdunkelten Bild der heiligen Maria, die über den Umweg von Rhodos, Malta, St. Petersburg schließlich in Cetinje landete. Die Weihrauchdämpfe haben das mit Edelsteinen umrahmte Gesicht der Madonna im Lauf der Jahrhunderte schwarz werden lassen, und nur von der Seite erkennt man nach einigen Blicken, dass hier ein Gesicht abgebildet ist. Haben sich die Augen aber erst einmal an den Anblick gewohnt, erkennt man nach und nach die Konturen und glaubt schließlich der Museumsführerin auch gern, dass es sich hier um eines der beeindruckendsten Zeugnisse der Ikonenmalerei handelt.

Neben den Museen der andere Stolz der Kleinstadt: die zwölf Botschaften, die sich hier in der Zeit des Königs Nikola niederließen. Dabei handelt es sich allerdings um kaum mehr als um einige herrschaftliche Villen, die heute für Kultureinrichtungen und ähnliches genutzt werden. Im Vergleich zu den Villen Österreichs oder Russlands mutet die deutsche Botschaft, ein schlichtes gelbes Wohnhaus, äußerst bescheiden an. Die ehemalige deutsche Botschaft steht allerdings auch als einzige leer.    

Nach dieser kurzen Stadtbesichtigung fahren wir in die Berge, in das Dorf Njegusi, berühmt für seinen geräucherten Schinken und seinen Käse. Die kulinarischen Berühmtheiten sind allerdings auch das einzige, was Njegusi seinen Besuchern – und wohl auch seinen ständigen Bewohnern – noch zu bieten hat. Das Magazin, der alte Dorfladen, hat geschlossen, und es sieht nicht so aus, als wäre die Schließung nur vorübergehend. Auch die Dorfpost ist offensichtlich nicht mehr in Betrieb, der zentrale Dorfplatz mit dem Partisanendenkmal verwaist. Im trockenen Lauf des Dorfbaches sprießt das Unkraut.

Der Schinken und der Käse, der uns in dem urigen Gasthaus vorgesetzt wird, ist allerdings wirklich hervorragend, würzig und nach Rauch schmeckend, und das Brot dazu hat einen leicht süßlichen Beigeschmack.

Wir besuchen eine der drei im Ort noch aktiven Räuchereien: Achttausend Schinken hängen vom Dach des Gebäudes, die noch frischen ganz oben, die reiferen weiter unten. Etwa drei Monate, so sagt der Besitzer der Räucherei, dauert die Prozedur, der ständige Wechsel von Räuchern zu Lufttrocknen, bis der Schinken eben den echten Njegusi-Geschmack erreicht hat. Merkwürdig allerdings: Im Ort und auch in der Umgebung gibt es gar keine Schweine. Der Räuchereibesitzer importiert die Schinkenkeulen aus Ungarn. Die Umgebung von Njegusi ist landwirtschaftlich nicht gerade gesegnet – und für den Anbau von Mastfutter fehlt schlicht und ergreifend der Platz.

Auch um den Export ist es momentan nicht zum besten bestellt. Lediglich nach Dubrovnik könne er momentan seine Räucherware verkaufen, sagt der Besitzer – und das sei eigentlich auch illegal.

Unser nächstes Ziel liegt wieder an der Küste: Kotor, eine ummauerte Hafenstadt wie Budva, aber um einiges größer, wobei die Mauern von Kotor nicht nur die Häuser der Stadt, sondern auch einen großen Teil des hügeligen Umlandes umfassen. Und auf diesen Hügeln sieht man nicht nur die Stadtmauer, sondern beispielsweise auch die Ruine einer Kirche, Spuren einstiger Wege, vereinzelte Gebäudereste.

Das der Seeseite zugewandte Stadttor ist unser Eingang in die spätmittelalterliche Stadt. Über dem Stadttor prangt aus jüngerer Zeit unter dem früheren jugoslawischen Stern das Tito-Zitat „Wir beanspruchen kein fremdes Land, werden aber auch keines von unserem hergeben“.

An dieser Seite der Stadtmauer sind Kotors Gassen und Plätze um einiges breiter als die von Budva, doch das Gesamtbild ist ähnlich. Mit dem Unterschied: Kotor ist nicht so wie die kleinere Schwester auf Touristen angelegt, statt der Boutiquen und Cafes dominieren hier kleine Lebensmittelgeschäfte, Läden, die auf den Bedarf der Einheimischen ausgerichtet sind.

Zunächst gelangt der Besucher zur Kathedrale und dem davor liegenden Hauptplatz der Stadt, nicht weit entfernt liegt das Schifffahrtsmuseum. Spannender ist allerdings das ziellose Schlendern durch die Gassen, vorbei an den Hauseingängen mit ihren mittelalterlichen Ornamenten, das Schauen in die Hinterhöfe, in denen sich der Bauschutt türmt. Und: Je weiter man in die Stadt vordringt, desto schmaler werden diese Gassen, verwandeln sich in Treppen, teilweise schon brüchig, nur umständlich zu besteigen – aber immer noch voller Leben.

Von Kotor fahren wir in das wenige Kilometer entfernt liegende Perast, heute eine kleine Gemeinde, einst Sitz der ersten Seefahrerschule von Montenegro, angeblich eine vom Barock geprägte Stadt, überragt von dem alles beherrschenden Kirchturm, deren an der Meerespromenade liegende Bauten allerdings zur Hälfte bereits zerfallen sind.

Von Perasts Hafen aus sieht man die beiden dem Ort vorgelagerten Inseln, eine mit Pinien bewachsen und mit einer Kirche bebaut, die „natürliche“ Insel, und gleich daneben eine andere sich aus dem Meer erhebende Kirche, errichtet auf einer „künstlichen“ Insel, Maria vom Felsen. Im 15. Jahrhundert haben die Bewohner von Perast das Riff mit Steinen aufgefüllt, so erst die Insel geschaffen, dann darauf die Kirche gebaut, die zur Pilgerstätte der montenegrinischen Seefahrer wurde. Diese Kircheninsel ist unser Ziel.

Schon bei der Überfahrt, später dann noch intensiver von der Insel selbst, gewinnt man einen Eindruck von der Gestalt der Bucht von Kotor: Das ist keine einfache Bucht mit einer östlichen und einer westlichen Spitze, das sind differenzierte Verästelungen des Meeres mit einer verhältnismäßigen schmalen Einfahrt für die Schiffe, hinter der sich dann gleich mehrere weit in das Land hinein ziehende Verästelungen verbergen.

Die Ikone der Maria ist das eigentliche Heiligtum der Kirche, aber um dieses Heiligtum herum wurde im Laufe der Jahrhunderte eine wahre Schatzkammer angehäuft. Beeindruckend an den Wänden des ansonsten eher kleinen Kirchenschiffs: Eine Sammlung von Silberplatten, jede dieser Platten mit einem anderen Motiv versehen, etwa Schiffen in Seenot, Beinen, Armen oder Herzen, alles Geschenke von heim gekehrten Seefahrern. Neben dem Altar aus Marmor hängen die Brautschleier von Frauen, die hier ihren Seefahrer heirateten – und im Obergeschoss des Wohngebäudes hat sich ein regelrechtes Museum von Gebrauchsgegenständen der letzen Jahrhunderte angesammelt, vom Porzellan bis zum Plastikgeschirr. Dazu finden sich Säulenreste der antiken Siedlung, die in den Fluten der Bucht von Kotor versunken ist, deren Reste man aber bei ruhiger See noch immer soll sehen können. Das herausragendste Stück der eher wahllosen Sammlung ist aber sicherlich jene Madonnen-Stickerei, die eine Seefahrerbraut aus ihrem Kopfhaar anfertigte, in den 25 Jahren, in denen sie vergeblich auf ihren Geliebten wartete. Der Mann, so erzählt die Legende, kehrte übrigens nie zurück und die Frau ist über ihrer Kleinstarbeit, die nun bis zu 700 Stiche pro Quadratzentimeter zählt, erblindet.

Abends zurück in Budva: Richtig zum Leben zu erwachen scheint Budvas Herz erst bei Einbruch der Dunkelheit. Nun jedenfalls sind die Cafés und Restaurants gefüllt, drängen sich die Menschen durch die Straßen. Die Boutiquen haben auch nach 22 Uhr noch immer geöffnet. 

Samstag, 8. Juni 2002: Sveti Stefan – Kloster Rezevici – Bar – Stari Bar – Ulcinj – Ada Bojana

Schon von den Hügeln von Budva aus sieht man die kleine der Küste vorgelagerte Insel, auf der dicht gedrängt die kleinen Häuschen stehen. Jetzt spazieren wir durch den Park einer Sommerresidenz von König Nikola, heute als Hotelanlage genutzt – und stehen schließlich vor der vielleicht hundert Meter langen schmalen künstlichen Landzunge, links und rechts von einem weißen Strand umgeben, die Sveti Stefan mit dem Festland verbindet.

Als sei die Lage nicht schon Schutz genug, haben die Erbauer der Stadt einer Mauer um ihre Felsensiedlung errichtet, ist ein dem Festland zugewandtes Stadttor nun der einzige freie Zugang. Anfang der 50er Jahre wurden die letzten Einwohner Sveti Stefans evakuiert, der Ort zu einem Luxus-Hotel-Komplex umgewandelt, berichtet unsere Reiseleiterin Natascha. Auszug der aus der Gästeliste: Sophia Loren, Claudia Schiffer, Stars und Industrielle. Dabei sind die alten Wohnhäuser, alle über Treppen, die hier die Gassen ersetzen,  miteinander  verbinden, eher klein, bieten nur wenig Platz. Was hier wohl mehr zählt: Die exklusive Lage, die Sicherheit vor ungebetenen Besuchern. Außerhalb der Saison, so Natascha, dürfen aber auch Nicht-Hotelgäste gegen Eintrittsgeld die Anlage besichtigen.

Die Küstenstraße entlang Richtung Süden liegt nur wenige Kilometer hinter Sveti Stefan das serbisch-orthodoxe Kloster Rezevici, in dem nun neben dem grauhaarigen Abt noch zwei Mönche mittleren Alters und einige weltliche Helfer leben. Im Mittelalter, so Natasacha, hätte hier schon eine Kirche gestanden, an der die Reisenden mit Essen und Trinken versorgt worden seien. Und aus dieser Tradition heraus entstand das Kloster von Recevici.

Die kleine alte Kapelle darf allerdings nicht mehr betreten werden – und in der Hauptkirche aus dem 19. Jahrhundert ist Filmen und Fotografieren verboten. Die Fresken erinnern hier aber auch mehr an primitive Malerei, zeichnen sich vor allem durch ihre knalligen Farben aus, sind mehr Ausdruck tiefer Religiosität denn von Kunstsinn.

Faszinierender als Kircheninnenraum ist jedenfalls die Lage der Klosteranlage über dem Meer, auf einem Bergplateau mit Blick auf das Wasser, mit einem kleinen Friedhof im Schatten der Klostermauer.

An der Tradition der Bewirtung von Reisenden halten die Mönche – zumindest uns gegenüber – auch heute noch fest: Es gibt Kaffee, Slivovitz und einen anderen Schnaps, der nicht minder brennt als der Slivovitz.

Unsere nächste Station ist der Küstenort Bar, eine moderne Stadt mit breiten Straßen und Einkaufszentrum, in einst besseren Tagen dem Anschein nach eines der Wirtschaftszentren der Küstenregion. Vor dem Mittagessen unternehmen wir einen Spaziergang entlang der Strandpromenade, werfen dabei einen Blick auf eine weitere Sommerresidenz von König Nikola: Helles Rot an den Fassaden muss wohl die Lieblingsfarbe des Monarchen gewesen sein.

Interessanter als Bar ist Stari Bar, auf einem sicheren Hügel in einiger Entfernung von der Küste gelegen, lange Zeit türkische Festung, schließlich aber doch von den Montenegrinern erobert und heute eine ummauerte Ruinenstadt.

Der Weg nach Stari Bar führt durch die älteren Teile von Bar, geprägt durch steil aufsteigende Straßen mit einstöckigen Häusern, viele davon verlassen. In den Straßencafés sitzen fast nur junge Männer. Neben den Mauern von Stari Bar erhebt sich ein Minarett: Obwohl die Stadt türkisch war, hatten die Osmanen in ihren Mauern nie eine Moschee errichtet, sondern ihre eigene Bautätigkeit auf das Umland konzentriert.

Obwohl viele der alten Gebäude hinter dem mächtigen Stadttor noch fast intakt aussehen, ist Stari Bar verlassen, wird das Eisengitter nur für Besucher geöffnet und abends wieder versperrt. Die krummen Gassen und Wege sind mit Büschen bewachsen, und auf einem der Wege entdecken wir eine Schlange, die sich aber rasch davon macht. Eines der Gebäude, das noch mit am besten erhalten ist, ist das einstige türkische Badehaus, das – der Grafitti an den Wänden nach zu urteilen – auch heute noch regelmäßig aufgesucht wird, wenn auch nicht unbedingt zum Saunen.

Zwischen Stari Bar und Ulcinj werden Oliven angebaut – und hier soll auch der mit rund 2500 Jahren angeblich älteste noch immer Früchte tragende Olivenbaum der Welt stehen. Ältere Olivenbäume entwickeln einen löchrigen Stamm, und an der Zahl und auch der Größe der Löcher können die Experten das Alter eines Baumes ablesen.

Unser Methusalem steht auf einem umzäumten Dorfplatz, trägt eine gigantische Krone auf seinem mehrere Meter Umfang messenden total durchlöcherten Stamm, aus dem bereits ein anderer, ebenfalls wohl schon alter Sprössling heraus gewachsen ist – und ist auf seiner Rückseite gezeichnet von den schwarzen Spuren eines Brandes, der seinem Leben wohl fast einmal ein Ende gesetzt hätte. Als besonders schutzwürdig sehen die Dorfbewohner den Baum aber wohl nicht an: Die Kinder nutzen ihn munter als Tummelplatz für ihre Kletterübungen.

Märkte, orientalisches Flair in den Straßen – so präsentiert sich Ulcinj, die südlichste Stadt der montenegrinischen Küste, seinen Besuchern. Über dem modernen Ulcinj erheben sich die Mauern der mittelalterlichen Stadt, eine Festung, von der aus die ganze Bucht fest im Griff gewesen war. Ulcinjs alter Kern erwacht allmählich aus seinem Dämmerschlaf. Mühsam bugsiert ein Mann seine Schubkarre die steile Anfahrt hoch durch das Stadttor, schleppt Material für eine der gerade laufenden Rekonstruktionen hoch. Es gibt hinter der Stadtmauer wieder Cafés und Restaurants, und einige der weitgehend intakten Gebäude scheinen auch wieder bewohnt.

Erster Besichtigungspunkt unmittelbar hinter dem Stadttor: Das mit Gittern versperrten Kammern des Arsenals, nun Lagerraum für steinerne Kanonenkugeln, Säulen und Stauen aus der Zeit der Römer und Griechen.

Von dem Lokal, in dem wir rasten, sieht man auf die moderne die Berghänge hoch wachsende Stadt und den „Kleinen Strand“, an dem sich bereits etliche Badegäste vergnügen. Im Mittelpunkt des Stadtbildes: Ein hässlicher Betonklotz, einen vierzackigen Stern darstellend, ein Denkmal für die Partisanen.

Eine Brücke führt über einen Flussarm des Bojana – wir befinden uns auf der Insel Ada Bojana, dem südlichsten Punkt Montenegros, bereits an der Grenze zu Albanien. Im Fluss selbst haben Fischer hölzerne Plattformen auf Stelzen errichtet, mitunter sogar kleine Schuppen, spannen von hier ihre Fangnetze aus. „Kalimera“, so sagt Milo, seit uns Natascha verlassen hat unser alleiniger Reiseleiter, nenne man diese Art des Fischens.

Ada Bojana ist die Insel der Fischer, deren Hütten die holprige Straße zu unserem nächsten Ziel, dem „Großen Strand“ von Ulcinj, säumen. Der „Große Strand“, ein Kilometer langer Sandstrand, gehört zu einer – jetzt fast leer stehenden – FKK-Anlage an der Mündung des Bojana.

Ein Flecken für Naturliebhaber: Das Flussufer ist teilweise mit Schilf bewachsen, und aus dem Schilf dringt nun zur Zeit des Sonnenunterganges ein Konzert unterschiedlichster Vogelstimmen. Ab und an tuckert ein kleines Fischerboot vom Meer kommend in die Flussmündung – doch ansonsten ist der Strand menschenleer.

Die Nacht verbringen wir im Hotel Otrant, das nach zwölfjähriger kriegsbedingter Unterbrechung vor einer Woche seine ersten deutschen Gäste bekam. Beim Einchecken in mein Zimmer bin ich auf meine Taschenlampe angewiesen: Die Flurbeleuchtung funktioniert gerade nicht. „Landeskategorie A“ hatte das Hotel vor dem Krieg – geblieben ist davon aber nicht viel mehr als die Lage vor dem langen weißen Strand.

Beim Abendessen erzählen Milo und der Chef der Touristik-Region von Ulcinj, ein katholischer Albaner, wie ihn Milo vorgestellt hat, wie der Tourismus hier früher floriert habe und wie es wieder einmal werden soll: Eine Insel mit neuen Hotels bebaut, alles dank des europäischen Masterplans und der Unabhängigkeit, die Montenegro in drei Jahren nach dem Referendum erlangen soll.

Sonntag, 9. Juni 2002: Ostros – Virpazar – Skutari-See – Karuc - Rijeka Crnojevic – Cetinje

An der albanischen Grenze entlang fahren wir nach Norden zum Skutari-See, dem größten See auf dem Balkan.

Die Straße ist eng, würde kaum Platz für ein Ausweichmanöver lassen, wenn uns hier jetzt ein Lastwagen entgegenkäme – aber zum Glück gibt es keine entgegenkommenden Fahrzeuge.

Vor Ostros schauen wir von einer Hügelkette auf den Skutari-See – und über die albanische Grenze. Ein Soldat, Wehrpflichtiger, Serbe, erzählt, dass hier regelmäßig Schmuggler über die Grenze gingen, sich mitunter Feuergefechte mit den Grenztruppen liefen. Neulich erst wäre die Grenze nacht überfallen worden, seien mehrere jugoslawische Soldaten ums Leben gekommen. Auf meine Frage, was denn die albanische Armee gegen die Schmuggler unternehmen, antwortet er, das wären ja die Schmuggler.

Milo meint später übrigens, die Erzählungen des serbischen Soldaten wären alle frei erfunden; in der montenegrinischen Presse wäre jedenfalls nichts über solche Feuerüberfälle erwähnt worden.

Die Dörfer auf der albanischen Seite sehen verhältnismäßig gepflegt aus, das Land dort wird weitflächig bebaut.

Die albanischen Dörfer auf montenegrinischer Seite vermitteln das Bild von Laubenpiepersiedlungen – kleine Gärten, winzige Katen, ab und an das Minarett einer Moschee.

In Ostros fotografieren wir Frauen auf einem Trecker: Die Frauen tragen alle weiße Kopftücher, bei den Männern ist eine Baskenmütze als Kopfbedeckung üblich.

In Virpazar, einem anderen Albaner-Dorf, legen wir eine Rast ein: Eine Eselherde spaziert über die über die Dorfstraße, auf der gegenüberliegenden Straßenseite sitzen Männer im Cafe. Der Älteste von ihnen trägt einen roten Fes, die traditionelle Kopfbedeckung für die islamischen Männer.

Nicht weit von Virpazar besteigen wir in einem nordwestlichen Seitenarm des Skutari-Sees unser Boot. Nur wenige Häuser stehen hier am Ufer, ein Flugboot zerfällt einsam vor sich hin. Und unser Bootsführer hat große Schwierigkeiten mit dem Außenbordmotor. Bestimmt eine viertel Stunde lang versucht er immer wieder, das widerspenstige Teil mit seinem Seil anzuwerfen, dann gibt er auf, baut einen Ersatzmotor ein – und langsam und vor sich hin spuckend bringt uns der Ersatzmotor dann tatsächlich vielleicht hundert Meter auf dem Wasser voran. Dann gibt auch er seinen Geist auf. Also baut er wieder den Ersatzmotor ein – und der springt diesmal auch wirklich an.

An den Ufern des Skutari-Sees wächst das Schilf, der See ist Refugium für Pelikane, von denen wir zwar keine sehen, und andere Wasservögel, etwa Haubentauchern, auf die wir auch immer wieder stoßen. Und der See muss fischreich sein – jedenfalls sieht man auch immer wieder Angler am Ufer stehen.

Wir sind in einem Naturschutzgebiet, und da ist klar, dass auch unser Bootsführer einmal von der Wasserschutzpolizei angehalten wird. Deren Boot ist kleiner als unseres, und wohl auch nicht viel schneller. Die Raser, die nämlich mit ihren hochgezüchteten Booten ebenfalls auf dem See sind, versucht es erst gar nicht zu verfolgen.

Unser Ziel ist Kurac, ein winziger Weiler in einer stillen Bucht, die aber auch den Besitzern der schnellen Motorboote bekannt ist. Als wir an dem Restaurant anlegen, sitzen die schon längst bei Tisch.

Nach dem Essen machen wir uns mit dem Boot auf den Rückweg, fahren ein Stück mit dem Bus, legen eine weitere Rast im neu errichteten Motel Gazivoda bei der Ortschaft Rijeka Cronojevic ein. Vom Motel aus sieht man auf den See, der hier von hohen Bergen umrahmt ist – andere Häuser sind weit und breit nicht zu entdecken. Die Gäste des Hotels, so Milo, kämen zum großen Teil zur Vogeljagd – die trotz Naturschutz nicht verboten ist, solange man nicht gerade auf Pelikane schießt.

Rijeka Cronojevic selbst, das wir kurz darauf passieren, ist ein lang gezogenes Städtchen in einer kleinen Talsohle, ein unscheinbarer Ort, dessen ganze Bedeutung daraus resultiert, dass in seiner Nachbarschaft, im Dorf Obod, 1494 das erste Buch auf dem Balkan gedruckt wurde.

Wir übernachten im Grand Hotel von Cetinje, ein überdimensionierter Bau, dessen Zimmer bereits ziemlich schmuddelig sind, ein Hotel, in dem wir seit langem wieder die ersten Gäste sein dürften. Das Essen ist dürftig – und auch die Hotelbar, wo sich einige Männer aus der Stadt noch vor dem Fernseher herum drücken, hat gegen 22 Uhr bereits geschlossen.

Durch den Regen marschieren wir die dunklen Straßen ins Stadtzentrum, finden dort noch eine Bar, die tatsächlich geöffnet hat. Das Publikum ist in der Regel nur knapp über 20 Jahre alt – und wir dürften den Altersdurchschnitt ganz gewaltig nach oben treiben. Als wir zurück ins Hotel wollen, regnet es noch stärker als zuvor. Doch ein Taxi gibt es hier nicht.

Montag, 10. Juni 2002: Pivisko-Stausee – Scepan Polje – Grenze zu Bosnien-Herzogowina (Republik Serbska) – Tara-Schlucht – Durmitor-National-Park – Zabljak

Über Damilovgrad und Niksik fahren wir Richtung Nordwesten, der Grenze zu Bosnien-Herzogowina entgegen, erreichen schließlich den Pivisko-Stausee, eine lange spiegelblanke Wasserfläche in einer tiefen ausgefransten Schlucht.

Rund 150 Meter hoch ist der Staudamm und unter uns, in den Felsen hineingebaut, liegt das Elektrizitätswerk. Fotos sind verboten und eigentlich dürften wir nicht einmal hier stehen, meint wohl einer der Wachmänner, dem Milo dann – nicht ganz der Wahrheit entsprechend – erklärt, dass wir Gäste des Ministers wären, und sehr wohl hier auch fotografieren dürften.

Bei Scepan Polje beginnt unsere Rafting-Tour durch die Tara-Schlucht, deren Felsen bis 1300 Meter hoch über den Grund des Canyon hinausragen. Vom Ort selbst bekommen wir nicht viel zu sehen, außer dem Restaurant und der Rafting-Station, einigen geschlossenen Kiosken mit dem hochtrabenden Schild „Duty Free“, und eben einer schmalen Brücke über die Tara. Auf der gegenüberliegenden Seite steht ein UN-Fahrzeug, eine Zollstation, wehen die Fahnen von Bosnien-Herzogowina und der autonomen Republik Serbska. Die Tara wurde hier zum Grenzfluss.

Wir steigen in unsere Jeeps, fahren über die Brücke – Grenzformalitäten gibt es hier nicht, auch wenn die Wagen, die von Bosnien-Herzogowina aus nach Montenegro wollen, von den Grenzern der Republik Serbska kurz angehalten werden, wie wir beobachten konnten.  Wir passieren die neue Staatsgrenze jedenfalls ohne jede Kontrolle, fahren dann einen schmalen holprigen Waldweg entlang, bis wir schließlich den Ausgangspunkt unserer Bootstour erreichen.

Die Tara ist nicht sonderlich tief, für eingefleischte Rafter wohl auch ein eher ruhiges Gewässer. Rasanter geht es auch wirklich nur an einigen Stromschnellen zu. Der Bootsführer zieht dann die Kapuze seiner Regenjacke über, ein untrügliches Zeichen, sich gut fest zu halten. Beim ersten mal verstehe ich das Zeichen nicht – und das Schlingern des Schlauchbootes wirft mich von meinem Sitz, zum Glück allerdings ins Innere unseres Bootes.

Doch die meiste Zeit über verläuft unsere Passage der Tara in ruhigerem Gewässer, und in der Regel müssen wir nicht einmal paddeln. Die Bootsführer haben jedenfalls auch genug Gelegenheit, jeden Angler am Ufer zu begrüßen und einige Worte zu wechseln.

Zwei Stunden dauert unsere Bootsfahrt, dann legen wir unterhalb der Grenz-Brücke wieder an, diesmal auf montenegrinischer Seite.  Nach dem Abliefern der Raftingausrüstung noch ein kurzer Besuch an der Grenze, ein kurzer Schwatz mit dem serbischen Grenzposten. Es sei ein ruhiger Job, sagt der Grenzbeamte. Eigentlich stehen wir wieder auf der Seite von Bosnien-Herzogowina – aber nach unseren Papieren fragt er nicht.

Der Nationalpark Durmitor  kündigt sich mit weiten grünen Weideflächen an, mit Ziegenherden und den hölzernen, teilweise windschiefen Katen der Schäfer. Das Land wird hügeliger, und schließlich haben wir die Berge des Durmitor erreicht.

Zabljak soll angeblich ein größerer Urlaubsort sein, aber die Ausschilderung auf den Straßen – es ist auch kaum zu erkennen, was eine Hauptstraße ist und was nicht – lässt mehr als zu wünschen übrig. Wir passieren kleinere Ansammlungen von Gehöften, auch ein Schulhaus, und unser Führer meint, das gehöre mit Sicherheit zu Zabljak. Also folgen wir der einspurigen Asphaltstraße, die sich allmählich in eine Schotterpiste verwandelt und schließlich auf freiem Gelände irgendwie ausläuft. Um uns herum ist nur Natur: Felsen, karges Gras, auf den Höhenlagen vereinzelte Schneeflächen – aber weit und breit kein Haus, kein Mensch und nicht einmal eine Ziegenherde.

Also müssen wir umkehren, beginnen unsere Suche nach Zabljak aufs neue – und erreichen schließlich auch das 1400 Meter hoch gelegene kleine, stille von Bergen umgebene Städtchen. Im Zentrum gibt es zwar eine ganze Reihe moderner zwei- bis dreistöckiger Häuser – aber irgendwie macht alles einen ausgestorbenen Eindruck, auch, wenn man überall auf angefangene Neubauten trifft. Allerdings wird es allmählich auch dunkel.

Wir übernachten im Hotel Jereza, einem der wenigen bereits in Betrieb befindlichen Privathotels – obwohl es eigentlich kaum mehr als eine Pension ist. Der Besitzer hat das Haus nach und nach errichtet, sein Kellner hat eine Weile in Deutschland gearbeitet, spricht auch noch einige Brocken Deutsch, aber dafür ist mit dem Vertreter des örtlichen Fremdenverkehrsamtes keine Verständigung möglich. Aber immerhin: Das Abendessen, dass uns hier serviert wird – es gibt Käse und Schinken – ist um Längen besser als das, was wir in den staatlichen Hotels bekamen.

Dienstag, 11. Juni 2002: Schwarzer See – Durdevica Tara – Plav – Gusinje – Kolasin

Bei Regen fahren wir zum Schwarzen See,  einem der Ausflugsziele der Ferienregion Zabljak. Aufhalten können wir uns allerdings nicht – schließlich haben wir heute eine ziemlich lange Wegstrecke vor uns.

Und die erste Station ist die Tara-Brücke, die Durdevica Tara, auch das einmal ein wichtiges Ausflugsziel im titoistischen Jugoslawien, wovon heute noch das kleine Hotel unmittelbar an der Brücke zeugt.

Bei diesen Ausflügen ging es aber vermutlich weniger um die Landschaft und auch nicht so sehr um die Brücke, nach dem Krieg ohne alle technischen Hilfsmittel in Handarbeit hochgezogen, als vielmehr um die Heldenverehrung: Die jetzige Brücke ist nämlich exakt der nachgebaut, die während des Krieges in einer Schlacht von den Partisanen in die Luft gesprengt wurde, und zwar mit Hilfe genau des Ingenieurs, der sie geplant hatte. Der Ingenieur wurde von den Nazis gestellt, erschossen – und an ihn und einige seiner Mitstreiter erinnert nun ein kleines heroisches Denkmal, wie man sie immer wieder antrifft.

Heute scheinen sich aber nur noch wenige für die Brücke zu interessieren: Wir sind die einzigen Gäste im Restaurant, die einzigen, die einen Spaziergang über die Brücke unternehmen, 130 Meter unter uns die Tara – und es kommt auch kein einziges Auto während unserer Brückenexkursion vorbei.

Die schmalen Gebirgsstraßen bergen ihre Gefahren: Immer wieder sieht man Holzkreuze, die an die Opfer jüngerer Verkehrsunfälle erinnern. Und das die Gegend auch sonst nicht ganz ungefährlich ist, spüren wir an einer scharf kontrollierten Kreuzung in der Nähe von Bijelo Polje. Die Polizei hat hier eine eigene feste Station errichtet, überprüft jeden Lastwagen; Wir sind an der Straße nach Belgrad. Einer aus unserer Gruppe fotografiert die Szene – und schon hat unser Reiseleiter eine heftige Diskussion mit den Beamten, die dann allerdings im Sande zu verlaufen scheint. Jedenfalls unternehmen die Polizisten nichts, um den Film zu bekommen.

Am späten Vormittag sind wir in Plav, nicht weit von der Grenze zum Kosovo, ein Ort, der wegen des Plaver Sees vor dem Bürgerkrieg eine gewisse touristische Bedeutung hatte. Unmittelbar am See, einem Überbleibsel der Eiszeit,  liegt das Hotel von Plav – momentan ein tristes Flüchtlingsheim mit zerfallener Terrasse und beschmierten Fassaden.

Südlich von Plav liegt Gusinje, ein Landstädtchen mit einigen umliegenden Bauerndörfern, die von der Welt vergessen worden sein müssen. Das Dorf, in dem wir zu Mittag essen, besteht aus wenigen Gehöften und einem Wirtshaus unmittelbar an einem kleinen Fluss. Der Boden am Flussufer ist morastig, ein wackeliger Holzsteg verbindet  die beiden Ufer – und an einem der schmucklosen Steinhäuser sieht man, was hier bis vor kurzem als Toilette mit Wasserspülung verstanden wurde: Ein offener Donnerbalken über dem Wasser. Würden nicht auch hier auf den Dorfstraßen manche Mercedesse parken, könnte dies wohl auch ein Bild aus dem 19. Jahrhundert sein.

Nach dem Essen fahren wir in die Stadt, unternehmen einen Spaziergang durch das islamisch gefärbte Gusinje. Die Moschee ist mit Abstand das beeindruckendste Gebäude der Stadt, es gibt ein altes, angeblich original erhaltenes türkisches Wohnhaus und einen islamischen Friedhof. Ansonsten ist Gusinje ein absolut ruhiges Kleinstädtchen mit einigen Cafés, in die sich aber nur wenige Gäste hinein verirren.

Unser nächstes Ziel ist Kolasin, ein anderer Wintersportort Montenegros, südlich des Biograd-Sees und des Biograd-Nationalparks. Auf dem Weg dorthin passieren wir Dörfer, die – so unser Reiseleiter – Hochburgen der serbischen Cetniks sein  sollen.

Wir übernachten im Hotel Bjelasica, unmittelbar neben dem ehemaligen Freizeitzentrum der Kriegsveteranen. Das Freizeitzentrum ist ein hässlicher Klotz aus Beton, erinnert mehr an einen nur minimal „gestylten“ Atombunker denn an eine Freizeitanlage. Auch unser Hotel ist ein Musterbeispiel von versuchter Moderne – angelegt im Stil eines Bienenhauses mit lauter Waben.

Wir sind zwar die einzigen Gäste in dem großflächigen Restaurant – aber der Hoteldirektor erzählt uns trotzdem unbekümmert, dass das Hotel fast ausgelastet wäre. In den letzten Jahren hätte man allerdings nur Gäste aus Serbien gehabt, von denen momentan aber auch niemand hier zu sein scheint.

Mittwoch, 12. Juni 2002: Biograd-See – Kloster Moraca -  Podgorcia – Vranjina - Petrovac

Der Biograd-See liegt inmitten des ältesten Naturschutzgebietes von Montenegro, fast ein richtiger Urwald mit angeblich 250 verschiedenen Baumarten. Unser Spaziergang durch den Nationalpark wird jedenfalls durch den Regen stark behindert – dennoch sieht man zumindest eine ganze Reihe von großen, grauen Eichhörnchen.

Um den See herum gibt es einige Hütten, auch ein Restaurant; doch außer uns interessiert sich momentan nur eine Gruppe tschechischer Biologiestudenten auf Studienfahrt für den Nationalpark.

Das Kloster Moraca gehörte seiner Größe nach wohl früher zu den bedeutenderen Klöstern des Landes – obwohl heute auch hier nur noch zwei oder drei Mönche leben. Um das Kirchenschiff herum liegen jedoch verhältnismäßig große Wirtschaftsgebäude mit Gästezimmern für Pilger – von denen sich heute allerdings auch kaum welche sehen lassen.

Doch durch seine landschaftlich schöne Lage scheint das Kloster für die Einheimischen ein beliebtes Ausflugsziel zu sein. Es gibt Picknickbänke vor den Klostermauern, man hört das Rauschen eines Wasserfalls – und schließlich beherbergt die Klosterkirche einige der wertvollsten Ikonen der serbischen Orthodoxie. Trotzdem, so der Abt, das Kloster zum Übernachten für Touristen frei geben werde man auf keinen Fall.

Gegen Mittag sind wir in Podgorcia, der modernen Hauptstadt Montenegros, mit belebten, verstopften Hauptstraßen, einer überschaubaren Fußgängerzone, in der sich die ersten Boutiquen und einige Cafés etabliert haben.

Podgorcias Supermärkte und die kleineren Kaufhäuser bieten überwiegend westeuropäische Artikel – zu Preisen, die nach der offiziellen Statistik über die Durchschnittsverdienste für die Einheimischen eigentlich nicht bezahlbar sein dürften. Aber es dürften eigentlich auch nicht so viele große und neue Wagen auf den Straßen zu sehen sein. Doch unser Reiseleiter Milo hat dafür eine ganz einfache Erklärung: 80 Prozent der Neuwagen stammen aus Deutschland – und sind weit billiger als in Deutschland, weil nämlich die deutschen Eigentümer sie hierher bringen lassen würden, um dann die Versicherungssumme zu kassieren. Ob dieser Autotransfer wirklich so regelmäßig auf Initiative der offiziellen Alteigentümer funktioniert, ist allerdings wohl eine andere Frage.

Touristisch hat Podgorcia nur wenig zu bieten – wobei uns für einen Besuch der Altstadt allerdings keine Zeit bleibt.

Bei Vranjina – die Montenegriner nennen den Fischerort auch Klein-Venedig – haben wir wieder den Skutarisee erreicht. Das Örtchen liegt an einem schmalen Seitenarm des Sees, und bei Hochwasser sollen die Häuser am Ufer regelmäßig unter Wasser stehen. Jetzt dümpeln die Fischerboote an dem mit Seerosen bewachsenen Ufer. In der Nähe von Vranjina stehen noch die Mauern einer alten Festung, die im Kampf gegen die Türken eine entscheidende Rolle gehabt hat. Jedenfalls, so Milo, war Vranjina regelmäßig umkämpft.

Unsere Montenegro-Tour endet im Badeort Petrovac. Der Kiesstrand hier ist tatsächlich schon wieder von vielen Badegästen besucht, das Hotel am Strand ist von seiner Ausstattung her das beste, was wir auf unserer Tour gehabt hatten. Und weil auch das Wetter mitspielt, können wir nun die letzten Stunden am Strand verbringen.

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