Unser
neuer Ablugtermin von Schönefeld wurde nun auf 13.10 Uhr
festgesetzt. Ursprünglich hätten wir schon gestern Abend um
21.40 Uhr fliegen sollen, und bis 19 Uhr blieb es nach Auskunft
des Flughafens Schönefeld auch dabei – obwohl der Flughafen
Keflavik wegen eines erneuten Ascheausstoßes des Vulkans
Eyjafjallajökull bereits am Vormittag geschlossen worden war,
keine Maschine rauskam, unser Flieger sich also auch noch gar
nicht auf den Weg nach Berlin gemacht hatte,
Doch
offizielle Informationen von Icelandexpress, unserer
Fluggesellschaft, gab es dazu nicht, und so trafen nach 19 Uhr
dann auch jede Menge Passagiere am Schalter ein, die aber von den
Icelandexpress-Mitarbeiterinnen irgendwann nach 20 Uhr auch nur
auf eine „nächste Information“ gegen 23 Uhr vertröstet
wurden. Eine Mahlzeit, vielleicht sogar eine Übernachtungsmöglichkeit
angeboten bekam jedenfalls niemand.
Immerhin:
Am Samstag, kurz vor 14 Uhr, also mit fast 16 Stunden Verspätung,
die man auch als erste Begegnung mit dem Vulkan bezeichnen kann,
hebt dann die Maschine tatsächlich von Schönefeld ab,
setzt gegen 15.15 Uhr isländischer Ortzeit – wir haben zwei
Stunden Zeitverschiebung – zum Landeanflug auf den Flughafen
Kevlavik an.
Wären
nicht immer wieder einzelne Schneeverwehungen auf den Bergkämmen
zu sehen, könnte man sich fast über einer nordafrikanischen Wüstenlandschaft
wähnen – wobei die vorherrschende Farbe hier aber nicht gelb,
sondern grau ist.
Vom
Gelände vor dem Flughafen sehen wir nach der Landung in der Ferne
eine dünne, dunkle Säule über einem Bergzug. Das ist die Asche,
die der Eyjafjallajökull nun seit Wochen ausspuckt.
Unser
erster Weg nach der Landung führt uns zur Blauen
Lagune, in die
Badeanstalt mit dem heißen Salzwasser aus einer Thermalquelle,
gelegen in einem Lavefeld, umgeben von einigen Wasserläufen.
Einen guten Überblick, sowohl über das Freibad selbst als auch
die vulkanische Umgebung, hat man von der Aussichtsplattform
oberhalb des Restaurants.
Das
Wasser im flachen Becken hat recht unterschiedliche Temperaturen,
ist in jedem Fall aber immer mindestens warm, an verschiedenen
Stellen sogar richtig heiß. Viel mehr als den Kopf lässt man da
von sich besser nicht aus dem Wasser schauen, denn die Luft ist
doch ziemlich frisch.
Und
das Gesicht schützt man auch vor der Kälte, in dem man es mit
der weißen Masse aus Mineralien einreibt, die hier im Wasser zu
finden ist, auch gegen Hautkrankheiten wie Schuppenflechte hilft.
Etwas komisch sieht man damit allerdings schon aus – und das
Gesicht im Becken wieder abwaschen, lässt man besser sein. Für
die Augen aber auch für die haare soll das Wasser nämlich
weniger gut sein.
Nach
unserem Bad fahren wir Richtung Reykjavik, passieren in der Einöde
eine Ansammlung verlassener Holzgestelle, einem der Orte, an denen
noch vor wenigen Jahren Trockenfisch hergestellt wurde.
Für
isländische Verhältnisse fast großstädtisch zeigt sich
Hafnarfjördur, ein Ort mit eher einfallslosen Wohnblöcken und
vor allem in der Nähe des Hafens einer Aluminiumfabrik, in der,
so unsere Reiseleiterin Martina, immerhin rund 400 Menschen
arbeiten. Der Strom,
den man auf Island dank Geothermie fast umsonst bekommt, hat diese
energiefressende Aluminiumfabrik
ermöglicht - obwohl die für die Aluminiumproduktion erforderlichen
Rohstoffe etwa aus Jamaika importiert werden müssen.
Die
Architektur dieser Aluminiumfabrik ist allerdings genau so
einfallslos wie die Gestaltung der umliegenden Wohnblocks. Diese
eher einfallslose Architektur, so Martina, sei übrigens die noch
vorherrschende auf Island. Modern, fest aus Stein und Beton gebaut
wird auf der Insel schließlich erst seit dem Zweiten Weltkrieg,
als Briten und Amerikaner Island, damals noch dänische Kolonie,
besetzten und innerhalb weniger Jahre in die moderne Zeit holten.
Bis zur Zeit der angloamerikanischen Besetzung wurden Häuser auf
Island nämlich entweder aus Torf oder aber aus Holz gebaut.
Mit
Blick auf den Esja, Reykjaviks Hausberg, geht es weiter zur
Hauptstadt. An einigen Stellen liegt noch immer Schnee auf dem
Esja, und Martina erzählt uns, dass dieser Berg nach den isländischen
Legenden Heimat der 13 Weihnachtsmänner wäre – wobei diese
Weihnachtsmänner, Söhne einer bösen Riesin, keine
Geschenkebringer wären, sondern eher wie Trolle darauf aus sind,
Schaden anzurichten, wenn sie in der Vorweihnachtszeit bei den
Menschen aufkreuzen.
Dass
in Island aber auch modern und ästhetisch gebaut wird, sehen wir
bei der Einfahrt nach Reykjavik, wo wir bei der „Perle“ einen
Stopp einlegen. Die Perle ist eine runde Stahl-Glas-Konstruktion
mit einer Kuppel, eines der neuen Wahrzeichen von Reykjavik, mit
einem Museum und einer Aussichtsplattform um die Kuppel herum. Die
lebensgroße Figur eines Wikingers in einer Glasvitrine begrüßt
hinter dem Eingang die Besucher, mit dem Fahrstuhl geht es dann
zur Aussichtsplattform, von der man tatsächlich einen einmaligen
Blick über Reykjavik, die Bucht und auf den Hausberg hat.
Hochhäuser
gibt es in der Skyline von Reykjavik dabei nicht zu sehen – die
höchste „Erhebung“ der Stadt ist der Turm der Hallgrímskirkja,
unserem nächsten Besichtigungsstopp. 73 Meter hoch ist der
geschwungene Turm dieser weißen Kirche, erinnert an aus dem Fels
wachsendes Basalt – und ist das andere neue Wahrzeichen von
Reykjavik. Der Platz vor dem Denkmal wird beherrscht von einem
Denkmal für Leif Erikson, ein Geschenk der USA, wie die Inschrift
auf Englisch vermerkt.
Die
Hallgríms-Kirche befindet sich am Ende – oder am Anfang – der
„großen“ Einkaufsstraßen Reykjaviks, in einem Viertel, das
wohl zu den teureren Wohngegenden der Stadt gehört. Bei den älteren
Ein-Familien-Häusern sieht man übrigens die Bauweise, wie sie
vor allem in den 40-er Jahren des 20. Jahrhunderts noch verbreitet
war: Das Gebäude wurde aus Holz gebaut, dann, um das Holz zu schützen,
mit Wellblech verkleidet.
Unsere
Stadtrundfahrt führt uns nun in das alte Zentrum Reykjaviks,
vorbei am Parlament, einem tatsächlich erstaunlich kleinem Bau
aus dunklem Stein, kleiner, als das Rathaus einer deutschen
Kleinstadt, zum Hafen. Viel Betrieb herrscht nun am Abend nicht
mehr. An den Kais liegen einige größere Schiffe für die
Wal-Beobachtung. Dass der Hafen nun überhaupt wieder eine größere
Rolle spiele, so Martina, läge vor allem an diesen
Wal-Beobachtungsschiffen – wobei die nun aber in unmittelbarer
Nachbarschaft zu den etwas älter wirkenden Walfang-Schiffen
liegen. Die Isländer scheinen sich an dieser Nachbarschaft
offenkundig nicht zu stören.
Nach
dem Einschecken im Hotel, im Radisson Blu, etwa 15 bis 20 Minuten
Fußweg von der Innenstadt entfernt, gelegen im Universitätsviertel,
fahren wir noch zum Essen – und unternehmen dann noch einen
kurzen Bummel durch das inzwischen nächtliche, wie haben immerhin
gegen 0 Uhr, Reykjavik. Dunkel ist es jedenfalls nicht, eher dämmerig
– und auf den Straßen der Altstadt herrscht reges Leben. Überall
haben noch die Lokale und Cafés geöffnet, vielerorts spielt man
auch Lifemusik. Die Innenstadt zeigt sich als Party-Meile.
Sonntag,
16. Mai 2010: Mosfellsdalen – Thingvallavatn – Thingvellir –
Gullfoss – Geysir – Faxi – Skálholt – Hella – Hvollsvöllur
– Thorvalsseyri und Eyjafjallajökull– Skógar – Stokkseyri
Wir
verlassen Reykjavik gegen 9 Uhr, fahren durch die Ebene von
Mosfellsdalen, umgeben von entfernt liegenden Höhenzügen, auf
denen man noch den Schnee liegen sieht. Ab und an passieren wir
eine Pferdekoppel – und auch einige kleinere, verlassene
Neubausiedlungen, die allerdings nie fertig gestellt wurden. Nun
verschandeln diese Bauruinen als Denkmäler der isländischen
Finanzkrise die Landschaft.
Richtige
Dörfer sieht man dagegen nicht, nur einzelne Höfe, allein
stehende Häuser, darunter auch ein – bescheiden wirkendes –
weißes Gebäude, das ehemalige Wohnhaus von Halldór Laxness,
Autor der „Islandglocke“ und der wohl bedeutendste
Schriftsteller Islands. Dass dieses fast typische
Ein-Familien-Haus nun ein Literatur-Museum ist, sieht man ihm bei
der Vorbeifahrt jedenfalls nicht an.
Die
Gegend, die wir nun passieren, erscheint als Einöde, in der nur
einige wenige Grase und Moose wachsen, dann stoppen wir am
Thingvallavatn, dem größten See Islands, bereits Teil des
Nationalparks Thingvellir. Darauf weist an unserem Haltepunkt aber
nur das Schild hin, auf dem man auch sieht, wo man gerade steht.
Auffällig im See ist aber eine kahle Insel, ein aus dem Wasser
schauender Hügel. Tatsächlich handelt es sich bei der Insel
Sandey auch um einen Lava- und Aschehügel, entstanden bei einem
früheren Vulkanausbruch.
Ansonsten
ist diese westliche Seite des Sees eine Einöde, in der auf dem
Lavagestein auch kaum etwas zu wachsen schein. Auf der Ostseite
sieht es da schon anders aus. Bei der nur wenige Minuten dauernden
Weiterfahrt zum Nationalpark-Zentrum sieht man auf der Ostseite
einen Wald – und eine dunkle Felskante. Der Verlauf dieser nicht
sonderlich hohen, ansonsten auch aus dieser Entfernung nicht
wirklich beeindruckenden Felskante ist die Grenze Europas, die
Linie, an der die europäische Kontinentalplatte sich immer weiter
von der amerikanischen Kontinentalplatte entfernt.
All
das erfährt man dann bei einer Multi-Media-Show im
Besucherzentrum, wo man sich auf der „amerikanischen“ Seite
Islands befindet. Zu Fuß, allerdings über einige Brücken,
vorbei an einer kleinen Kirche, geht es dann durch das
„Niemandsland“ von Amerika nach Europa.
Dabei
nimmt man zunächst den Weg unterhalb der amerikanischen Felskante
entlang, passiert dabei einen Platz, der mit der isländischen
Fahne gekennzeichnet ist. In der Zeit der Wikinger-Siedler war
dies der Platz, an dem während der Volksversammlungen der
Gesetzessprecher stand – ein Ort, der auch heute noch neben dem
Parlament als zentraler Platz der isländischen Demokratie gilt.
Dabei
wurde die Autorität des Gesetzessprechers früher hier sicherlich
auch durch seinen Standort unterstützt. Denn die nun in der Nähe
wirklich gewaltige Felswand, steil aus der Erde ragend, fast
gerade verlaufend, nur mit einigen Einbuchtungen, lässt auch die
größte Menschenversammlung klein erscheinen.
Die
Brücken führen über die mit dem See verbundenen Wasserläufe.
Dabei ist das Wasser in diesen mitunter extrem schmalen Canons so
klar, dass man auch noch gut die Felsformationen unter Wasser
sehen kann. In einiger Entfernung, auf der amerikanischen Seite,
erkennt man einen hohen Wasserfall, wohl auch der von einem der Flüsse,
die diese See- und Canonlandschaft speist.
Hier
treffen wir auf eine Gruppe Taucher, die, gut ausgerüstet mit
Trockenanzügen, in das gerade zwei Grad Celsius messende Wasser
hinab wollen. Fische gibt es hier keine, erzählen die Taucher,
auch von Vegetation könne eigentlich nicht die Rede sein – aber
auch in einer Tiefe von 22 Metern habe
man hier noch einen einmalig klaren Blick auf die Felsformationen.
Der
Wald des Nationalparks ist – mit europäischen Augen gesehen –
kein all zu dichter Wald, die Bäume sind meist so genannte Zwerg-
oder Krüppelbirken, zu denen Martina den Scherz erzählt, wie man
in einem isländischen Wald die Orientierung wieder findet, falls
man sich einmal verlaufen hat. Die Lösung des Problems: Einfach
aufstehen! Dennoch haben sich wohl gerade einige Ziegen hierher
verlaufen. Denn eigentlich dürfen in diesem Nationalpark auch
keine Haustiere grasen – aber vielleicht macht man da ja auch
gerade wegen der Ascheschicht rund um den Eyjafjallajökull, die
immerhin auf einer der wichtigsten landwirtschaftlichen Regionen
liegt, auch eine Ausnahme.
Das
nächste Ziel unserer „Golden-Cirle-Tour“ zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten
im Süden Islands ist der Gullfoss, der angeblich schönste
Wasserfall der Insel, der „Goldene Wasserfall“. Bei meinem
Besuch im vergangenen Herbst hatten Eisblumen die Ränder des über
70 Meter tiefen Canons bedeckt, nun bildet die Gischt über der
Schlucht ihre feuchten Wolken, spürt man auf dem Weg an den
Kaskaden, über die das Wasser in die Tiefe stürzt, immer einen
leichten Regen – obwohl doch kein Tropfen vom Himmel fällt. Da
kommt es einem auf der Felsplattform neben dem Haupt-Wasserfall
schon fast „trocken“ vor, ist man fasziniert vor allem von dem
Tosen der Wassermengen.
Auf
der Hochebene oberhalb des Wasserfalls befindet sich ein
Restaurant, eher als Kantine eingerichtet, in dem wir nun aber
unser äußerst schmackhaftes Mittagessen nehmen. Zur Wahl stehen
die isländischen Nationalgerichte, eine Suppe mit Lammfleisch und
eine Pilzsuppe.
Natürlich
darf auf der „Golden-Circle-Tour“ der
Besuch von Geysir, dem Feld der explodierenden heißen Quellen,
nicht fehlen. Die Attraktion des Feldes ist natürlich der
Strokkur, der größte der Geysire, der regelmäßig, angeblich
rund alle sieben Minuten, seine Wasserfontäne rund 20 Meter hoch
aus seiner Erdspalte hinausschießt. Auf die Zeitangabe sollte man
sich allerdings nicht zu sehr verlassen: Die Uhren der Kräfte im
Erdinneren scheinen eher unregelmäßig zu gehen. Also muss man
das Wasser im Becken des Strokkur genau beobachten. Bilden sich
Blasen, ist dies ein Anzeichen dafür, dass die Explosion kurz
bevorsteht – aber zwangsläufig erfolgen muss sie deshalb noch
nicht. Manchmal beruhigt sich das Wasser auch wieder, und man muss
eben noch weiter warten.
Ziehen
sich die Blasen dann aber zu einer großen, bläulich schimmernden
Blase zusammen, ist dies der Beginn des Ausbruchs.
Sekundenbruchteile darauf schießt die Säule von Wasser und Dampf
nach oben, fällt dann in sich zusammen, läuft das Wasser wieder
zurück in die Tiefen des Erdlochs.
Der
Geysir, der Namensgeber dieses Feldes und all er anderen heißen
Quellen dieser Art, hatte schon vor einigen Jahren aufgehört,
sein Wasser hinauszuschießen, war sozusagen erloschen. Nun, seit
dem Ausbruch des Eyjafjallajökull, ist auch er wieder aktiv, wenn
auch nur unregelmäßig, vielleicht fünf oder sechs mal am Tag.
Seine Fontäne erreicht auch nicht mehr die alte Höhe von bis zu
50 Metern, kommt allenfalls auf zwölf Meter – aber immerhin.
Einen
Blick hinein ist übrigens am Rande des Geysir-Feldes der so
genannte „Kleine Geysir“ wert. Dessen Becken misst nicht viel
mehr als einen Meter Durchmesser, und weil das heiße Wasser zwar
ständig brodelt, aber nicht hoch schießt, kann man sich fast über
diesen Geysir beugen, glaubt dabei, in das Innere der Erde zu
schauen.
Im
Andenkenladen von Geysir stößt man dann auf ein skurriles
Angebot: Vulkanasche von Eyjafjallajökull im Schmuckglas für die
Vitrine. Dabei haben wir selbst auf unserer eigentlich gar nichts
vom Vulkanausbruch bemerkt.
Den
nächsten Stopp legen wir am Faxi ein. Ungewöhnlich an diesem
Wasserfall ist schon einmal der Name: Schließlich endet er nicht,
wie die anderen isländischen Wasserfälle, auf „Foss“. Dann
ist es aber auch kein sonderlich hoher Felsen, den der Faxi
hinabstürzt, eher eine Stufe innerhalb einer weiten,
landwirtschaftlich genutzten Ebene, durch die der Fluss ziemlich ruhig fließt und auch
nach seinem Sturz nicht wesentlich beschleunigt. Dazu ist der Faxi
ist auch wesentlich breiter als die anderen Wasserfälle.
Seine
wichtigste Bedeutung für die Isländer ist aber wohl, dass man
hier Lachse fangen kann, und dafür gibt es sogar eine Hölzerne
Treppe, an der sich die Lachsangler aufstellen können. Momentan
ist aber wohl keine Lachssaison. Jedenfalls ist der Platz
verwaist, so wie auch der Schafpferch, der hier keine hundert
Meter entfernt steht. Dass hier aber wohl sehr wohl auch zu dieser
Zeit hier gearbeitet, kann man riechen: Hier wurde frischer Dung
ausgebracht!
Eine
einsame weiße Kirche auf einem Hügel, daneben ein Gästehaus,
unterhalb der Kirch ein archäologisches Grabungsfeld, in dem aber
nicht viel mehr als einige Fundamente zu erkennen sind, das alles
mit Blick auf einen kleineren See und einen Berg: Das ist Skálholt,
einst die bedeutendste Ortschaft Islands, im Mittelalter Sitz des
Bischofs, ein Ort, der immerhin 200 Einwohner zählte, als
Reykjavik gerade mit 120 Bewohnern die Stadtrechte verliehen
bekam. Nun ist Skálholt nicht viel mehr als ein kurzer
Zwischenstopp, ein Ort, der praktisch vom Erdboden verschwunden
ist.
Die
Hekla, Islands gossen Vulkan vor Augen, fahren wir nun in den
Dunst dunkler Wolken. Die Wagen, die uns entgegenkommen, haben das
Licht eingeschaltet. Allerdings: Das ist keine Aschewolke, das
sind Regenwolken!
Auf
einer Koppel nehmen wir einige Islandpferde auf. Die Tiere stehen
ganz normal auf ihrer Weide, scheinen durch die Nähe des
Eyjafjallajökull auch nicht beunruhigt.
Erst
als wir gegen 16 Uhr die Ortschaft Hella passieren, zeigen sich
auf der Windschutzscheibe unseres Wagens auch Aschepunkte. In
Hvollsvöllur legen wir dann einen letzten Stopp vor dem Eintritt
ins „Vulkan-Gebiet“ ein. Fahrer, die gerade vom Vulkan kommen,
waschen auf dem Rastplatz ihre Wagen, Martina gibt an uns
Atemschutztücher aus, trägt allerdings selbst auch keines –
wie überhaupt die meisten Einheimischen auf diese Schutzmaßnahme
verzichten. Bei der Weiterfahrt wirbelt dann auch unser wagen wie
alle anderen Fahrzeuge die Asche auf der Straße auf, zieht er
eine lange Staubwolke hinter sich her..
Wir
halten vor Thorvalsseyri. Vor dem Vulkanausbruch stellten die weißen
Wirtschaftsgebäude unmittelbar am Berghang, direkt zu Füßen des
Eyjafjallajökull, nach Martinas Schilderung vor dem
Vulkanausbruch einen der bedeutendsten Landwirtschaftsbetriebe
Islands dar. Jetzt steht kein einziges Tier auf den ergrauten
Weiden. Nur einige Neugierige, uns eingeschlossen, beobachten von
der Einfahrt des Gutshofes aus das Geschehen auf dem Berg.
Auf
dessen Kamm ist aber nur Grau zu sehen. Statt der Aschewolke verhüllen
nun Regenwolken den Eyjafjallajökull. Das dumpfe Grollen, das aus
seiner Richtung zu uns kommt, ist dann allerdings kein Gewitter.
Dieses Grollen kommt aus dem Inneren des Vulkans, sagt, dass er
noch längst nicht zur Ruhe gekommen ist.
Wie
er seine unmittelbare Umgebung verändert hat, sehen wir bei der
Weiterfahrt. Vor einem Wirtschaftsgebäude an der Straße sind weiße
Säcke aufgestapelt, nun bedeckt von einer dicken Staubschicht.
Der Staub liegt auf der Straße nach Skógar, ist nun allgegenwärtig.
Unser
Ziel ist der Skógarfoss, der – bei anderem Wetter – ebenfalls
gräulich schimmert, ein 62 Meter hoher Wasserfall fast direkt an
der Küste, der bei einer herzförmigen Einbuchtung der Felswand
in die Tiefe stürzt. Links und rechts des Wasserfalls haben
Eissturmvögel ihre Nester in die Felswand gebaut, manövrieren
bei ihrem Flug sicher an dem herabstürzenden Wasser vorbei.
Rechts
vom Wasserfall führt ein Weg auf den Berg. Hier beginnt – oder
endet – einer der beliebtesten Wanderwege Islands, der für geübte
Wanderer auch innerhalb von zwei Tagen bis zu den heißen Quellen
von Landmannalaugar führte. Nun trägt zumindest eine Teilstrecke
dieses Weges den spöttischen Titel als „Islands heißester
Wanderweg“. Bis an den Wegesrand kam nämlich die Lava vom
ersten Ausbruch des Vulkans, ist noch immer nicht erkaltet.
Wir
fahren noch kurz an dem Freilichtmuseum vorbei, in dem Martina
zeitweise arbeitet. Die kleinen Häuser sind aus Torf gebaut, wir
sehen eine Schmiede, einen Schafstall und,
versehen mit einem großen Fenster, das Wohnhaus, das so
wie es da steht, bis in die 40eer Jahre des 20. Jahrhunderts auch genutzt wurde. Das ganze haus besteht, so Martina, aus
lediglich einem Raum, in dem bis zu zehn Menschen lebten. Eine
Heizgelegenheit gab es in solchen alten Bauernhäusern nicht,
ebenso wenig eine Kochmöglichkeit.
Vergleicht
man das mit den heutigen Lebensbedingungen Islands, ist das eine
rasante Entwicklung, die so schnell wo kaum in einem anderen europäischen
Land ablief!
Bei
der Weiterfahrt nach Stokkseyri passieren wir die Westmännerinseln,
der Ort, von dem man nach Martinas Meinung den Ausbruch des
Eyjafjallajökull hätte am besten beobachten können. Dabei sind
die Westmännerinseln ebenfalls vulkanisch – und beim letzten
Ausbruch entdeckten die Bewohner eine neue Variante des
Brotbackens. Statt in den Ofen kommt der Brotteig in eine Grube
mit heißer Asche, eine Variante, die auf den Inseln immer noch
praktiziert wird. Das Brot der Westmännerinseln, ein schwarzes,
dem Pumpernickel ähnliches Brot, wird nach Martina auf ganz
Island geschätzt.
Stokkseyri
ist ein kleines Küstenörtchen, zu dessen Besonderheiten ein großes
„Troll-Museum“ gehört, das unmittelbar neben dem Fisch- und
Hummerrestaurant liegt, wo wir zu Abend essen, uns danach dann auf
den Rückweg nach Reykjavik machen, wo wir im Dämmerlicht gegen
Mitternacht ankommen.
Montag,
17. Mai 2010: Keflavik
Eigentlich
sollten wir um sieben Uhr früh fliegen – nun verlassen wir
unser Hotel bereits um drei Uhr früh, weil unser Flug auf fünf
Uhr vorverlegt wurde. Bereits gestern Abend war klar, dass der
wind wieder einmal die Richtung drehen würde – und spätestens
gegen acht Uhr sollte der Flughafen geschlossen werden. Denn
obwohl wir wegen des Regens nicht all zu viel gesehen hatten, muss
der Eyjafjallajökull wieder eine gewaltige Aschemenge ausgespuckt
haben, von der ein Teil nun auch auf Keflavik ziehen soll.
Und
das passiert früher als erwartet, weswegen auch unser Flug wie
alle anderen Abflüge vorverlegt wurde, und zwar auf fünf Uhr früh.
Als wir zum Flughafen aufbrechen, ist allerdings auch nicht klar,
ob wir überhaupt noch starten können.
Wir
können starten, müssen aber an dem Tag so ziemlich in der
letzten Maschine sitzen, die Island verlassen kann. Auf den
Anzeigentafeln in Kopenhagen, wie wir unseren nun verlängerten
Zwischenaufenthalt haben, lesen wir bei den Reykjavik-Flügen
jedenfalls immer: gecanceled.