Wer über den Schott El Djerid fährt, fühlt sich unweigerlich an Karl May erinnert: Durch die Wüste...

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Tunesien: Durch das Tor der Sahara zum Schott El Djerid, zu Oasen und Palmen

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Wüstenlandschaft mit Wadi - auf dem Weg in den Süden

Zu Besuch in Matmata - dem Dorf der Höhlen

Markttag in dem Oasenstädtchen Douz

Palmenhaine - der Reichtum von Oasen wie Douz

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Überquerung des Schott el Djerid - des Salzmeeres in der Wüste

Der Brunnen - das Zentrum der Dörfer in der Wüste

Markt in Houmt Souk - dem Hauptort der Insel Djerba

El May - ein kleines Dorf im Inneren von Djerba

Eine Fantasia, das wilde Reiterspiel, in Kantara auf Djerba

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Endlos weiße Strände - das Markenzeichen von Djerba

Reiseroute und beschriebene Orte: Tunis - Sousse - El Djem - Sfax - Gabes - Matmata -Kebili - Douz - Schott el Djerid - Touzeur - Nefta - Zarzis - Houmt Souk (Djerba) - El May - El Kantara

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Samstag, 8. März 1986: Tunis

Der Weg vom Flughafen ins Zentrum führt vorbei an den Neubauten der Stadt: Tunis zeigt sich von seiner monotonen Seite, eine moderne Stadt, die so überall stehen könne, etwas bescheiden, nichts besonderes.

Der erste Café au Lait im Tunis Club: Ein Straßencafé wie viele andere auch, mit Blick auf die Avenue Bourgiba, die Hauptstraße. Das Europäische überwiegt, aber viele Frauen tragen die traditionelle weiße Tracht, die sie mit den Zähnen zusammenhalten. Aber Männer mit Burnus oder Kaftan sind eher die Ausnahme.

Zu unserem Hotel und zum Bahnhof sind es nur wenige Schritte.

Ein Taxi zu ergattern erweist sich als ein Ding der Unmöglichkeit; wer zuerst sieht, fährt zuerst, und wir haben eben noch nicht den richtigen Tunis-Taxi-Blick. Wir gehen zu Fuß, was ohne Gepäck auch kein Problem wäre.

Das Cirkehotel ist als dritte Klasse eingestuft; wir zahlen pro Zimmer drei Dinar, etwa neun Mark.

Danach gehen wir zum Bahnhof, die Fahrkarten für den Zug nach Gabes kaufen, dann die Avenue Bourgiba hinunter aus der Stadt heraus, zum Meer. Rund 100 Meter vor dem Ufer, vielleicht auch etwas mehr, liegt eine kleine Insel, die neben Möwen noch einige Flamingos und Fischreiher beherbergt.

Dann geht es zurück über die Avenue Bourgiba in die Medina. Das erste, was auffällt: Ein unübersehbares Gedränge in den engen Gassen und vor den Läden mit meist billigem Kitsch. Erst "tiefer" in der Medina wird es arabischer. Wir stoßen auf das Viertel, wo die Kaftane angefertigt und verkauft werden. Die Geschäfte erinnern an frühere kleine Handwerkerläden. Fantastisch sind aber die Mosaikausschmückungen in einigen Geschäften. Daneben gibt bescheidenere kleine Läden, in denen das Bett des Besitzers gleich als Werkbank dient.

Eine Seitenstraße in der Altstadt: romantische Bögen zwischen den Häusern, darunter Dreck und Gestank. Manche Häuser schauen von außen so aus, als seien sie längst nicht mehr bewohnt. Aber in den Höfen herrscht Leben. Es könnte hübsch sein - mit etwas Farbe, ohne den ärmlichen Eindruck, der sich beim zweiten Hinsehen aufdrängt.

Wir stoßen auf ein Teppichgeschäft, in dem Mona schon bei ihrem ersten Tunisbesuch war. Der Besitzer führt uns hinauf auf die Dachterrasse. Wir haben einen Überblick über die Altstadt, wie er besser nur von den beiden nahe liegenden Moscheen sein kann. Die ältere, mächtigere, viereckig gebaut, stammt aus dem 13. Jahrhundert und ist arabischen Ursprungs; die andere, höhere aber auch wesentlich schmalere, mit sechs Ecken gebaut, stammt von den Türken.

Die Dächer der Häuser wirken als Einheit, man könnte bequem von Haus zu Haus kommen, bräuchte nicht einmal springen. Ein Hund streunt über die Dächer.

Der Teppichhändler spricht leidlich Deutsch - "Mensch Meier" -, ist 32 Jahre alt, verheiratet, hat drei Kinder. Er sieht aus wie Mitte vierzig. Er will uns unbedingt einen Teppich verkaufen, er macht uns natürlich einen guten Preis, und wir bräuchten nur eine Anzahlung leisten, die Lieferung erfolge dann per Nachnahme nach Deutschland. Wir versprechen, wiederzukommen.

Der Weg aus der Kashba heraus ist gar nicht so leicht zu finden. Einige male kommen wir am "Regierungsviertel" vorbei, bis wir endlich erfahren, daß wir eigentlich nur geradeaus müssen, um wieder auf die Avenue Bourgiba zu gelangen.

Gegen 19.30 Uhr sind wir wieder im Hotel, trinken noch einen Calvados. Der Versuch, Tee mit einem Tauchsieder zu kochen., scheitert: Es haut die Sicherung heraus, der Tauchsieder ist hinüber.

Nach 20 Uhr leert sich die Straße; Es ist kühl, der Sternenhimmel klar.

Sonntag, 9. März 1986: Tunis - Sousse - Sfax - El Djem - Gabes

Afrika beginnt südlich von Sousse.

Das liegt aber vielleicht auch daran, daß wir gegen 10 Uhr in Sousse ankommen und bis dahin vor uns hin gedöst haben, kaum auf die Umgebung von Tunis - Abfahrt: 7.35 Uhr - achteten. Der oberflächliche Eindruck: Eine eintönige Landschaft, unterbrochen von Industriegebieten, bei denen sich, vielleicht typisch Schwellenland, nicht beschreiben läßt, ob sie gerade aufstreben oder ob sie bereits im Niedergang begriffen sind.

Südlich von Sousse dominiert "das Arabische": Dem Zug kommt die erste Kamelkarawane entgegen. Es sind eigentlich nur drei Kamele - und die einzigen, die uns an diesem Tag begegnen. Doch das Land, das bis hierher noch einen dünnen Grünstreifen trug, wird allmählich zur Wüste, unterbrochen von endlosen Olivenpflanzungen, bei denen die Bäume aleengleich kilometerlang nebeneinander aufgereiht sind.

Die Dörfer zeigen sich als Gemisch zwischen alten Berberdörfern, eng zusammengebauten Lehmhütten, die den Kern bilden, um den herum dann die "modernen Dörfer" errichtet sind.

Ein Bild irgendwo zwischen Sousse und Sfax: ein alter Beduine oder Berber sitzt verloren am Bahngleis, im Hintergrund erhebt sich eine Trabantensiedlung mit dreistöckigen eintönigen Wohnhäusern.

Von El Djem - ein römisches Theater, vergleichbar dem Kolosseum - und Sfax mit seinen wuchtigen Mauern um die Altstadt bekommen wir nur das zu sehen, was vom Zug aus im Blickfeld ist.

Südlich von Sfax scheint man endgültig die Sahara erreicht zu haben. Doch der Sandsturm, den wir wahrzunehmen glauben, ist gar kein Sandsturm: Der Zug wirbelt nur an seiner Strecke den Staub auf. Doch es scheint fast echt!

Der erste Eindruck von Gabes ist: Eine Industrielandschaft, ein einziges Kraftwerk, nur im Hintergrund ein unbedeutender Hain der Oase. Hinter den Fabriken liegt eine Hotelanlage, daneben Trabantensiedlungen.

Gabes bleibt zum Glück nicht so: ein verträumter Provinzbahnhof erwartet uns, wo lediglich zwei Pferdedroschken bereitstehen, die Touristen zum Hotel zu bringen.

Wir gehen zu Fuß zum Hotel Regina - Mona kennt es vom letzten mal -, handeln den Preis von fünf auf vier Dinar pro Zimmer herunter. Das Hotel ist nach der Herberge von Tunis eine Wohltat, in der nicht nur der abgeschirmte Innenhof, sondern auch die warme Dusche reizt.

Die Hauptstraße - Avenue Bourgiba, wie sonst? - führt zum Strand, am Offizierskasino und den wichtigen Hotels vorbei und vermutlich auch sonst zu allen relevanten Plätzen der Stadt.

Ein breiter Strand mit feinem Sand, derzeit (?) etwas verschmutzt von dem Dreck, den das Meer angespült hat: Es weht ein kühler Wind. Wir finden Muscheln, die meisten noch ganz und einige leben sogar noch, dazu auch Seeigel. Weil es allmählich kalt wird, gehen wir zurück.

Das Hotel Oasis, angeblich das beste, in jedem Fall das teuerste, ist ein phantasieloser Kasten, das Hotel daneben eine riesige Anlage im "landestypischen" Baustil, momentan aber fast unbewohnt. Wir sind scheinbar die einzigen Touristen im Ort.

Abends nehmen wir noch einen Kaffee im Café Regina. Die Gesellschaft von Gabes ist eine Männergesellschaft; Mona ist die einzige Frau im Lokal.

Alles in allem: eine Provinzstadt, die es noch zu erkunden gilt. Irgendwann will ich mir noch die Moschee ansehen, in der angeblich der Barbier des Propheten begraben sein soll. Ansonsten gibt es - außer der Oase - in der Stadt nicht allzu viele Sehenswürdigkeiten.

Montag, 10. März 1986: Gabes - Matmata - Gabes

Ein alter Mann mit weißem Bart, bekleidet mit einem braunen zerschlissenen Burnus, schlurft über den Innenhof, zielstrebig auf das Zelt mit den davor ausgebreiteten Körben voller Paprika, Kichererbsen, getrockneten Fischen und Mulachita, ein spinatähnlicher "Staub", der gekocht wohl eine Suppe abgibt. Große Auswahl an Geschäften hat der Alte nicht: Kurz nach 11 Uhr ist vom Bazar-Treiben von Gabes nur noch dieser eine Händler auf dem Innenhof zurückgeblieben, die festen Läden zeigen nun nur noch ihre heruntergelassenen Rolläden.

Wer einen tunesischen Basar, wenigstens in der Provinz, in voller Aktion erleben will, muß offensichtlich früher als wir aufstehen.

Die fliegenden Händler auf der Straße sind dagegen noch da. Angeboten wird vor allem eine Art grüner Klee, den wir aber nicht identifizieren können.

Der Bus nach Matmata verläßt Gabes Punkt 12 Uhr, benötigt für die rund 40 Kilometer eine gute Stunde. 750 Millimes beträgt der Fahrpreis, umgerechnet etwa 2,60 Mark. Im Gegensatz zum Zug ist der Bus das nordafrikanische Transportmittel schlechthin: für die Masse der Einheimischen gerade noch erschwinglich. Entsprechend zusammengesetzt sind die Fahrgäste: Eine Berberfrau in bunter Landestracht, das weiße Kopftuch mit den Zähnen zusammenhaltend, hat sich für die Fahrt besonders fein gemacht, sogar ihren Schmuck angelegt. Doch ihre große Zehe ragt durch den kaputten Schuh.

Der Fahrer achtet auf die Straße nicht mehr, als der spärliche Verkehr unbedingt erfordert, begrüßt manche Fahrgäste mit Handschlag, plaudert. Damit sein Sitz nicht verrutscht, hat er ihn mit einem Backstein festgeklemmt.

Die Fahrt geht durch die Ausläufer der Sahara. Der Bewuchs mit Palmen läßt hinter Gabes nach, wird rar. Von ferne sieht man das Gebirge, das sich von hier bis nach Libyen hineinzieht und in dem auch Matmata liegt. Es sind 40 Kilometer mit der Lebendigkeit der Wüste, in der jeder Baum, jeder Riß im kargen Boden, jede Ziegenherde und erst recht jedes ausgetrocknete Flußbett - wenn es überhaupt eines ist - zum Ereignis wird. Die Straße steigt an, wir haben das Gebirge erreicht.

Das Gebäude zählt zwei Stockwerke, hat einen ruhigen Innenhof, von dem aus verschiedene Wege in die verwinkelten Räume hineinführen, die auf der oberen Ebene liegen. Doch diese Beschreibung ist eigentlich schon falsch. Zu ebener Erde liegt nämlich das gar nicht vorhandene Dach; die zwei Stockwerke sind die beiden Ebenen, von denen aus die Gänge - oder Höhlen - in den kalkigen Boden geschlagen wurden. Der Innenhof ist ein Erdloch mit etwa zehn Meter Durchmesser, von dem aus man das obere Stockwerk entweder über eingelassene Treppen oder Strickleitern erreicht.. Der Eingang zum Haus führt also nach unten, sozusagen in einen Keller, der aber keiner ist.

Wegen dieser Höhlenhäuser rollen ca. alle zwei Stunden Busse voller Touristen nach Matmata, die das Leben der "Höhlenmenschen" beobachten wollen. Das Haus, zu dem wir Zugang haben, ist allerdings ein vom Touring Club angelegtes Hotel, der traditionellen Bauweise in dieser Oase nachempfunden. Angebote, auch andere Behausungen dieser Art anzusehen, gibt es zuhauf: Kinder, die kaum mehr Französisch als "Bonjour" und "la maison" sprechen, laden aufdringlich zur Visite, fordern, wenn man ihnen nicht folgen will, trotzdem ihren Obolus, wenigstens aber Kugelschreiber oder Bonbon - die Kehrseite des Tourismus.

Wir begnügen uns damit, die Höhlenwohnungen von oben zu bewundern. Manche Innenhöfe sind begrünt, fast überall hängt die obligatorische Wäscheleine. Eine Frau in mittleren Jahren kommt aus ihrem Zimmer im unteren Stockwerk, sagt "Bonjour" und etwas, was sich wie "three" anhört, spreizt dazu drei Finger, deutet auf den Eingang, der zur Behausung führt. Wir verstehen, daß wir das Haus besichtigen können, vermutlich für drei Dinar, und verzichten.

Manche dieser künstlichen Höhlen werden als Ställe, vor allem für Esel, genutzt. Über anderen Höhlen entdecken wir Fernsehantennen. Überall stößt man auf mit Steinen bedeckte Brunnen. Ein alter Mann reitet auf einem Esel und mit leeren Wasserbehältern über die Dorfstraße; zehnjährige Jungen spielen Fußball und rufen "Bonjour".

Unter Palmen entlang geht es zurück zum Bushalteplatz. Durch das Café hindurch gelangt man zum Zentrum des "modernen" Matmata, das die Touristen üblicherweise kaum interessiert: Ein großer umbauter viereckiger Platz, auch hier bei allen Geschäften die Rolläden heruntergelassen. Nur vor einigen Läden sitzen alte Männer auf Schemeln und unterhalten sich über den Platz hinweg.

Es ist schließlich schon kurz vor 16 Uhr!

Der Bus verläßt Matmata fahrplanmäßig pünktlich um 16 Uhr. Er ist und bleibt ein typisches nordafrikanisches Verkehrsmittel, auch wenn diesmal ein Hinweisschild darauf aufmerksam macht, daß nach § 3 der Beförderungsverordnung Rollschuhfahrer von der Beförderung durch Bahn oder Bus ausgeschlossen sind. Das Verbotsschild ist auf deutsch und daneben hängt der Streckenplan der Verkehrsgesellschaft einer bundesdeutschen Großstadt, die das Vehikel irgendwann einmal aus ihrem Fuhrpark ausgesondert hat.

Pünktlich um 17 Uhr erreicht der Veteran des Personennahverkehrs, der für Deutschland offensichtlich nicht mehr gut genug war, seinen Bahnhof von Gabes.

Dienstag, 11. März 1986: Gabes

Anziehungspunkt ist Gabes sicherlich nicht wegen seines Marktes: Der ist bescheiden und Souks gibt es in Tunesien wahrlich spannendere. Anziehend sind zunächst etwas anderes: Ein Strand von vielleicht 40 Meter Breite, bei Ebbe sogar etwas mehr, bei Flut etwas weniger und die die Stadt umgebende Oase mit ihren Palmenpflanzungen.

20 Minuten Fußweg sind es, die man vom Stadtkern (wenn man den Haupt- und einzigen Bahnhof als Stadtkern bezeichnen möchte) den Strand an der Stelle erreicht, wo er durch eine 50 Meter ins Meer ragende, aus einfachen unbehauenen Steinen aufgetürmte Mole von dem kleinen Fischereihafen getrennt wird. Das Meer hat hier neben Seetang zahllose Muscheln aller Formen an Land gespült, viele davon sind noch am Leben, daneben finden wir Seeigel, Krebse und anderes. Abgesehen von ein paar Einheimischen, die den Strand nach Meeresfrüchten absuchen, ist um diese Jahreszeit niemand hier.

Die beiden einzigen größeren Hotels von Gabes, das Oasis und das Chems, stehen leer.

Der Fluß, der Gabes zur Oase werden ließ, führt nur ein kleines Rinnsal an Wasser mit sich. Diesen Fluß entlang geht es in die Pflanzungen.

Landwirtschaft auf den Oasenfeldern ist vor allem Handarbeit. Die Jungen klettern behende auf die Palmen, indem sie die Wedel als Seile benutzen, die Alten bearbeiten die Felder - angebaut werden vor allem Zwiebeln - mit Hacke und Sichel. Hier arbeiten Männer und Frauen gleichermaßen auf den Feldern.

Am Fluß entlang gibt es einen unfehlbaren Orientierungspunkt, der den Weg in die Stadt zurück weist: der Turm der El-Barba-Moschee.

Die El-Barba-Moschee, so benannt, weil ihre Gründung auf den Barbier des Propheten zurückgeführt wird, hat die Oase zu einem Wallfahrtsort gemacht. Wir dürfen als Nicht-Muslime nur in den Vorraum - und auch das unter dem Protest der Anwesenden, entschuldigt lediglich dadurch, daß ich die schmerzenden Knöchel meiner Füße waschen will. Der Hauptteil der Moschee bleibt uns verborgen.

Etwas mehr Glück haben wir in der etwas kleineren und weniger berühmten Moschee auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Man läßt uns hier zumindest in den Vorhof, dessen Wände mit kunstvollen bläulichen Mosaiken verziert sind. Wir können sogar einen Blick in die nach Männern und Frauen getrennten Gebetsräume werfen, ausgeschmückt mit den ganzen Boden und sämtliche Wände bedeckenden Teppichen.

Geöffnet hat dagegen für den Fremden das benachbarte Heimatkundemuseum. Die verschiedenen Abteilungen zeigen Schmuck und weitgehend erklärungslos nebeneinander aufgehängte traditionelle Bekleidungsstücke, die Früchte und Gewürze der Oase, ausgestellt selbst ein Korb mit Trockenfisch, Anglergeräte und wieder einige Schmuckgegenstände.

200 Millimes kostet der Eintritt, und in Erwartung eines Bakschisch bietet der Museumswärter seine darüberhinausgehenden Erklärungen an. Im Innenhof, unter freiem Himmel, stehen die Zeugnisse antiker Vergangenheit. Ein Stein mit römischer Inschrift, steinerne Truhen, dem Anschein nach ebenfalls römischen Ursprungs und in der Oase gefunden. Der Museumswärter versichert, daß sie noch von den Phöniziern stammen.

Am Abend Plausch mit dem Hotelbesitzer und dabei Einführung in tunesische "Landeskunde": Er habe zwar das Hotel, aber davon allein könne er noch nicht leben. So betreibe er noch eine Fabrik. "Jedermann hat hier zwei Beschäftigungen", sagt er . - Für die meisten Tunesier mag das als Notwendigkeit sogar zutreffen.

In der Nacht gewittert es.

Mittwoch, 12, März 1986: Gabes - Kebili - Douz

Die Höhenzüge des Djebel Tebaga sind wolkenverhangen. Spätestens, seit El Hamma hinter uns liegt, fahren wir auf der Piste durch die Sahara. Der Busfahrer stellt die Scheibenwischer erst gar nicht mehr aus: Über der Wüste regnet es.

Der Bus ist besetzt mit Berbern, darunter viele Frauen, und jedes Durchqueren einer Pfütze wird mit freudigem Lachen aufgenommen. Grasnarben erscheinen im übersättigten Grün, schmale Sandfurchen haben sich in sprudelnde Bäche verwandelt.

Bis Kebili reicht die dichte Wolkendecke , erst südlich Richtung Douz klärt sich der Himmel auf. Kebili ist für die meisten einheimischen Fahrgäste die Endstation, nur wenige wollen weiter nach Douz, dem "Tor der Sahara", wie es in den Reiseprospekten genannt wird.

Douz ist zunächst eine tunesische Kleinstadt, wie wir schon viele vom Zug oder vom Bus aus gesehen haben. Die einstöckigen Häuser entlang der Straße, die der Bus nimmt, sind aufgereiht wie in einer Stadt aus einem Wildwestfilm, Mofas und Pferdefuhrwerke stellen die vorherrschenden Verkehrsmittel. Zwischen den Häusern an der Hauptstraße wird für einen ersten Augenblick aber schon ein anderes Douz sichtbar, wie es seit Jahrhunderten in dieser Oase gewesen sein dürfte: einfache Bauten aus Kalksandstein, unmittelbar auf dem Sand der Sahara errichtet.

Wir umrunden Ort und Oase. Zunächst geht es in die Palmenfelder, ordentlich Feld für Feld voneinander abgesteckt, wobei die Furchen auch gleich die Bewässerungsläufe darstellen. Mit dem Eselkarren bringt ein junger Mann Saharasand auf sein Feld, verteilt ihn unter den Palmen. Es ist ein feiner weißer Sand, der wie Wasser durch die Finger rinnt.

Sanddünen umgeben den Ort.

Wir verlassen die Hauptstraße, gehen geradezu auf eine Moschee, die sich einige hundert Meter weiter erhebt. Hier gibt es keine Wege mehr, nur noch feinen Sand, mitunter Dünen bildend, in dem wir tiefe Fußspuren hinterlassen.

Vor noch nicht langer Zeit kann der Sand noch nicht so weit vorgedrungen sein wie jetzt: Von den meisten Häusern, die es hier in den Sanddünen gibt, stehen zwar nur noch die Außenmauern, aber einige der besser erhaltenen Ruinen - so alt können sie nicht sein - werden als Stallungen für Ziegen und Esel genutzt, in einigen hausen sogar noch menschliche Bewohner.

Erst hinter der Moschee fängt wieder der eigentliche Ort an, doch statt Asphaltstraßen gibt es auch hier nur Sandpisten. Männer haben sich im Schatten der Häuser zum Gespräch hingelegt, Frauen kauern auf der Straße.

Oasenleben 1986: Ein Kameltreiber schiebt sein Mofa, das Kamel marschiert angebunden hinterdrein.

Das Café de la Republique liegt unmittelbar am Marktplatz. Im Café selbst stehen kaum Tische, einige Männer sitzen auf dem Boden und spielen Karten. Draußen auf der Terrasse zieht man Domino vor. Ein Gläubiger kniet auf seinem Gebetsteppich, verneigt sich Richtung Mekka.

Vor dem Restaurant haben die Obst- und Gemüsehändler ihre Stände aufgebaut. Angeboten werden dicht an dicht Orangen, Zwiebeln, Kartoffeln, fast halb so groß wie Fußbälle.

Auf dem eigentlichen Marktplatz breiten sich am Nachmittag die Kleiderhändler aus. Sie führen Hosen, Hemden, selbst Gardinen vermutlich aus irgendwelchen europäischen Spendensammlungen, verlangen für das einzelne Bekleidungsstück 500 Millimes, nicht mehr - oder auch: nicht weniger als 1,50 Mark.

Am Abend hocken die angereisten Händler vor ihren Lagerfeuern, die sie am Rande des Platzes entzündet haben, trinken einen letzten Tee vor dem Schlafengehen. Geschlafen wird in Decken eingerollt auf dem Platz, unmittelbar neben den von ihnen feilgebotenen Waren.

Kurz nach 19 Uhr ist die Stadt wie ausgestorben. Der morgige Donnerstag ist der große Tag von Douz, der wöchentliche Markttag, an dem die Nomaden der Umgebung in die Oase ziehen werden.

Donnerstag, 13. März 1986: Douz - Kebili - Touzeur - Nefta

Douz wartet auf den Markt. Nach kurzer Ruhepause beginnen irgendwo auf dem Marktplatz oder in den Gassen die Trommeln zu schlagen, ein Mann bläst auf der Trompete. Die Musik bricht ab, ohne jeden Übergang, um eine Minute später wieder voll zu erschallen. So geht es mehrere Stunden.

Doch der Markt hält kaum, was die Nacht versprochen hat. Etwas entfernt vom Marktplatz des Ortes haben die Ziegenhändler ihre lebende Ware ausgestellt. Die Lämmer blöken, Kinder laufen zwischen den Stellplätzen der vier bis sechs Köpfe zählenden Herden, durch das hintere Tor fahren Kleintransporter auf den Platz, um für den Warennachschub zu sorgen.

Nur wenig Zulauf finden die Verkäufer, die ihre Waren zwischen Ziegenherden und Marktplatz anbieten. Düngerhaufenähnlich haben sie ihre Ware aufgeschüttet: Eine schwarze, scharf riechende Masse, die sich als Ölextrakt erweist, das, nach mehrmaligen Aufkochen, dem Essen beigegeben werden kann.

Der Marktplatz ist, wie ein Supermarkt, in einzelne Bereiche gegliedert, nach Branche und Ware aufgeteilt. Ein Planquadrat haben die Textilhändler unter Beschlag gelegt. Die meisten von ihnen, fast alle mittleren Alters, sind mit Kleinlastern gekommen, haben ihre Massenware vor sich ausgebreitet. Eine exotische Randerscheinung, wenn auch mitten im Gewühl: Ein alter Mann vor einem Ballen Schafwolle.

Was es sonst noch gibt: Blechtöpfe und Blechpfannen und vor allem jede Menge Mausefallen, zusammengeschnürt zu Reihen aus einigen Dutzend, einfache Drahtgebilde, die sich erst beim Fingertest als Mausefallen zu erkennen geben.

Die Gewürzhändler halten ebenfalls ein Areal auf dem Marktplatz, anders als die Obst- und Gemüsehändler, die sich außerhalb des Platzes postiert haben und vor deren Ständen das größte Gedränge herrscht. Für die Obst- und Gemüsehändler ist die ganze Woche über Markttag.

Außerhalb der Oase beginnt die Sandwüste, aber nicht überall. Denn auch Douz hat einen Müllabladeplatz, und das Müllfeld kommt gleich hinter den Palmen, übelriechend, aber eine Durchquerung trotzdem lohnend. Hinter dem Müll gibt es nämlich einen Vorgeschmack auf das, was der Schott el Djerid zu sein verspricht: eine Salzwüste riesigen Ausmaßes, eine Todesfalle für den, der vom Weg abkommt, weil er den Bildern einer Fata Morgana folgt.

So schlimm ist es in Douz nicht. Zwar sinkt man tatsächlich einige Zentimeter tief ein an den Stellen, wo der Sand nachgiebiger ist, als seine scheinbar feste Kruste vermuten läßt, aber der See, der hier in der Wüste schimmert, ist sogar echt: Eine übergroße Pfütze nicht verdunstenden Regenwassers, das vom Boden einen Teil des Salzgehaltes aufgenommen hat.

Der Weg über den tatsächlichen Schott führt zunächst zurück in die Distrikthauptstadt Kebili: eine ärmliche, bescheidene Wüstenstadt, trotzdem ein Verkehrsknotenpunkt, ein unvermeidlicher Durchgang für alle möglichen Richtungen.

Der Übergang von der Wüste zum Schott vollzieht sich für den Ortsunkundigen allmählich, ohne, daß er die eigentlichen Grenzen unbedingt bemerkt. Die Vegetation läßt nach, kleine Büsche sind die einzige vorkommende Gewächsart. Der Bus fährt schneller, als das sonst der Fall ist. Die ebene Straße verläuft schnurgerade. Entlang der Straße ist die Wüste fast nie leer: Doch schon bald hinter Kebili finden sich dann auch keine weidenden Schafherden mehr.

Der Schott ist ein Meer ohne Wasser, spiegelglatt, eine Wüste in der Wüste. An der Oberfläche haben sich Salzkrusten gebildet, die von weiter Entfernung wie Schaumkronen auf Wellen aussehen. Aber es gibt hier keine Wellen. Zwei oder drei kaputte Reifen unter der Trasse, über die unsere Straße führt, sind die Zeugen mißglückter Überquerungsversuche. Mitunter deuten Reifenspuren neben der Straße von versuchten und wohl auch geglückten Wendemanövern.

Quer durch den Schott, links und rechts der Asphaltstraße, fließen zwei schmale Bäche. Sie fangen im Schott an, versickern nach einigen Kilometern, ohne den Schott je zu verlassen.

Doch auch hier, in dieser lebensfeindlichen Umgebung, triumphiert menschlicher Geschäftssinn. Genau in des Mitte des Schotts befindet sich das Café des Amis, gebaut aus Palmenwedeln, lädt den Reisenden zur kurzen Rast.

Auf den Schott folgt unmittelbar die erste Oase des Djerid, ein Beweis dafür, wie weit das römische Imperium in seiner Glanzzeit vorgedrungen ist: Ein "Maison antique" wirbt um Besuch und Bewunderung der römischen Funde.

In Touzeur fällt zunächst die gegenüber den anderen Landesteilen kunstvolle Bauweise im Djerid auf: Die Häuserwände werden nicht aus einfachen unbearbeiteten Sandsteinen zusammengemauert, sondern zumindest bei den besseren Häusern nimmt man hier gebrannte Ziegeln, die sorgfäligre Muster, meist Rauten, aber auch andere Ornamente bilden.

Am späten Nachmittag erreichen wir Nefta, auf den ersten Blick zunächst nichts weiter als ein sich an der Straße nach Algerien entlangziehender Ort am Rande des Schott.

Im Restaurant an der Bushaltestelle von Kebili prangte ein Wandgemälde mit einer idyllischen Palmenlandschaft, in der sich Beduinen an einem kleinen Flüßchen niedergelassen hatten So wird Nefta allgemein beschrieben.

Der erste Eindruck scheint dieses idyllische Bild Lügen zu strafen, auch wenn der erste Einheimische, der an anspricht, uns von Thermalquellen, zum Baden geeignet, erzählt. Der Einheimische war schließlich Fremdenführer, der uns für teures Geld seine Dienste aufdrängen wollte.

Freitag, 14. März 1986: Nefta

Nach dem grobflächigen Stadtplan, der den Touristen in die Hand gedrückt wird, zerfällt Nefta in vier Teile: Zwei Souks, eine Zone Touristique und die Corbeille. Die Corbeille ist das wesentliche an Nefta: Ein Palmenhain inmitten der Stadt, das Herz der Oase, durch die der Fluß führt und in deren Mitte dann die Thermalquellen liegen.

Wir versuchen, nach Stadtplan durchaus folgerichtig, uns der Corbeille, also dem eigentlichen Stadtzentrum, von der Hauptstraße aus, der Avenue Bourgiba, zu nähern. Wir landen in einem Garten, haben zwar Aussicht auf die Corbeille, aber mehr auch nicht: Hier geht es nicht weiter. Den zweiten Anlauf unternehmen wir von der Pumpstation südlich der Straße, folgen einer Ziegenherde, die gerade den Weg in den Palmenhain nimmt.

Damit sind wir tatsächlich in der Corbeille. Zunächst unterscheidet sie sich durch nichts von den anderen Oasen, bis auf einen kleinen, aber wesentlichen Punkt: Ein Fluß zieht sich quer durch den Palmengarten, der auch hier wieder in zahlreiche Einzelgrundstücke aufgeteilt ist. Dem Flußlauf zu folgen erweist sich als unmöglich, wenn man nicht direkt ins Wasser hineinsteigen und hindurchstapfen will. Das Ufer ist teilweise unpassierbar, wird ständig von den eingezäunten - dazu nimmt man hier Palmenblätter - Parzellen unterbrochen.

Ein kleiner See, umrahmt von einem winzigen "Strand", darüber wieder Palmen, ist alles, was wir entdecken. Ein idyllischer Anblick, aber eben noch nicht die Quelle, die wir eigentlich suchen.

Also geht es zunächst einmal hinaus aus der Corbeille, einen Berg hinauf, den Ziegen- und Menschenspuren folgend, in die nördlichen Vororte von Nefta, von denen aus man einen Überblick auf die gesamte Umgebung von Nefta hat. Die nördlichen Vororte bestehen aus bescheidenen Gebäuden, viele von ihnen bereits Ruinen.

Etwas weiter oben liegt dann das Touristenhotel Sahara Palace., eine moderne Appartement-Konstruktion in der Wüste, voller falscher Beduinenromantik. Einige wenige Gäste tummeln sich am Swimmingpool. Wenigstens einen Eindruck von Nefta kann man von dieser Anlage aus erhalten: Der Ausblick auf die Stadt und die Oase ist authentisch.

Zwischen dem Sahara Palace und dem folgenden Hotel, dem Mirage, geht es noch einmal in die Corbeille hinab, diesmal geradewegs auf die heißen Quellen zu.

Das Wasser ist bräunlich und dampft an seiner Oberfläche. Es ist eine Männergesellschaft unter sich, deren Angehörige hier in Badehosen ihre Sitzbäder nehmen, wobei jede einzelne Gruppe für sich bleibt. Wir - zumindest Mona - sind hier nicht willkommen. Man jagt uns zwar nicht direkt fort, zeigt aber, daß man uns hier nicht möchte.

Wieder geht es den Berg hinauf, diesmal in die ärmlichen nördlichen Souks mit fensterlosen kleinen Lehmhütten, die sich an die engen Gassen anschmiegen. Aber diese Gassen sind keine Wege. Sie sind uneben, führen nur in ein Labyrinth. Ziegen weiden in den Abfällen, die einen unerträglichen Gestank verbreiten.

Neben den Souks finden sich die Brennereien für die Ziegelherstellung, einfache in den Sand gegrabene Löcher und Höhlen. Der Sand ist schwarz vom Verkokungsprozeß.

Am späten Nachmittag geht es in die südlichen Souks, die einen wesentlich gediegeneren Eindruck machen. Es gibt sogar einen richtigen Marktplatz, allerdings ohne Markt. Die Straßen sind teilweise mit Torbögen überbaut, eine arabische Bilderbuchstadt.

Samstag, 15. März 1986: Nefta

Von Nefta aus nach Osten führt die Straße zur algerischen Grenze. Wir nehmen aber nicht diese neue Straße, sondern die Sandpiste unterhalb, zwischen der eigentlichen Straße und den weit aus der Oase herausreichenden Palmenhainen gelegen.

Die Wüste ist voller Leben. Eidechsen kreuzen unseren Weg, vor allem aber Wüstenameisen, die um einiges größer sind als unsere heimatlichen Waldameisen, dazu Käfer aller Arten, vorherrschend dabei ein großer schwarzer, den man in Deutschland wohl als Mistkäfer bezeichnen würde.

Das ist es aber nicht, was den Reiz unserer Route ausmacht.

Aus der Entfernung erscheint der Schott mit seiner Salzkruste als ein riesiger See, durchsetzt mit vielen kleinen Inseln. Ist man einige Zeit gewandert, hat die Sonne einen neuen Stand erreicht, dann verändert auch der "See" seine Gestalt, scheint plötzlich auch viel weiter entfernt zu sein.

Wir kehren um, werden von einem jungen Bauern auf seinem Pferdewagen mitgenommen. Vier Hektar Land hat er, Palmen gepflanzt, erntet Datteln. Viel mehr ist von ihm wegen der Sprachschwierigkeiten nicht zu erfahren.

Am Nachmittag in den südlichen Souks: Wir entdecken das "Restaurant des Amis", einmal Ei mit Pommes Frittes, eine Portion gekochte Bohnen, groß und braun mit dem Geschmack süßer Kartoffeln, dazu Cola und Fanta für einen Dinar, also für eine Mark.

Bis zum Abend spielen wir dann mit den Einheimischen in dem gegenüberliegenden Café Domino.

Sonntag, 16. März 1986: Nefta

Ein fauler Sonntag: Hundert Schritte von unserem Hotel entfernt beginnt der südliche Palmenhain; wir verdösen den Vormittag.

Am Nachmittag gibt es Folklore life: Neben der Badeanstalt hat sich ein Teil einer Hochzeitsgesellschaft versammelt, der Teil, der die Braut in das Haus ihres künftigen Ehemannes begleiten wird. Die Frauen sind festlich angezogen, tragen weiße oder schwarze Kleider, die Braut trägt eine goldene Krone auf dem Kopf. Bevor sich der Zug formiert, spielt eine Kapelle, Trommeln und Trompeten, einige Frauen tanzen dazu.

Dann setzt sich der Zug in Bewegung, an der Spitze die Musikanten, gefolgt von einigen Männern, die die Koffer der Braut tragen, dann die Frauen, in ihrer Mitte die Braut. So geht es über die Hauptstraße, dann wieder hinein in die Souks, wo sich die Schaulustigen dem Zug anschließen.

Am Abend Folklore für die im Merhaba-Hotel abgestiegenen Rotel-Tour-Touristen: diesmal nur Männer, eintönige Flötenmusik, Herumballern mit alten Gewehren, die vor dem Hotel abgefeuert werden und jedesmal einen Mordslärm verursachen. Die Musik ist absolut unrythmisch und unmelodiös, die Tänze sind steif. Man hat den Eindruck, daß sich die Folkloristen in ihren Zigarettenpausen vor dem Hotel über die staunenden Touristen amüsieren.

Montag, 17. März 1986: Nefta - Zarzis

Zurück über den Schott, diesmal von Osten nach Westen. In der Ferne tauchen palmenbewachsene Inseln auf, aber es könnten auch Schiffe oder sogar monströse Tiere sein, die sich auf der Salzkruste zu schaffen machen - Fata Morgana.

Die Ufer des Flusses wirken wie eine gigantische Steilküste mit Höhlen, die vom Wasser gegraben wurden. Tatsächlich zeigt der Fluß seine Untiefen, Wasserhöhlen, die sich in die Salzkruste hineingefressen haben.

Der Boden ist hart, trägt uns problemlos, und zumindest in der Nähe der Straße hinterlassen wir nicht einmal Fußspuren. Es ist gleich einer Marslandschaft, nur ohne Kanäle, dafür aber mit aufgebrochenen Krusten an den Stellen, wo das Salz an die Oberfläche drängt. Es ist reines Salz, läßt sich schmecken, so, wie es aus der Tiefe hervorkommt, man braucht es nur aufzuheben und von den Sandbrocken abzukratzen.

An verschiedenen Stellen, vor allem am Fluß oder an den Wassertümpeln entlang der Straße, formt sich das Salz zu Kristallkörpern, die dann wie Schaumkronen oder weiße, bizarre Felsbrocken wirken.

Bei Kebili biegen wir nach Süden, Richtung Douz ab, bis wir den Brunnen in der nächsten Stadt erreicht haben. Das Wasser, das hier aus der Erde kommt, ist das klarste und wohlschmeckendste der ganzen Umgebung. Kinder kommen mit Eselskarren, beladen mit Plastiktanks, hierher, bringen dieses Wasser dann zu sich nach Hause. Ich will die Szene filmen, drehe aber nur wenige Sekunden. Dann bedeutet man mir, daß filmen hier nicht erwünscht ist.

Weiter geht es über Kebili, wieder nach Gabes, dann über Medinine nach Zarzis.

Vier oder fünf mal werden wir von Polizeikontrollen gestoppt, müssen jedesmal die Reisepässe zücken.

Die erste Nacht in Zarzis verbringen wir im Hotel Orion, eine traurige Absteige, neben unserem Hotel in Douz das unhygienischste Quartier überhaupt.

Dienstag, 18. März 1986: Zarzis

Zarzis ist eine "moderne" Stadt mit einem beschaulichen Zentrum um die sehr schöne, prächtige Moschee herum, daneben aber ein Geschäft neben dem anderen, ohne besondere Anziehungspunkte.

Wir wechseln ins Hotel Zita, ein Komplex am Rande der Stadt, mehrere Bauten, Swimmingpool mit Thermalbad, Disco und abends Animation.

An unserem ersten Abend ist "Kontaktparty" mit deutschen Touristen in der Disco.

Mittwoch, 19. März 1986: Zarzis

Weißer Sandstrand - aber der Wind ist zu kühl, als daß man im Meer baden könnte.

Am Abend alberne Wahl eines "Mister Zita" mit Gesang und anderen Touristenfreuden.

Donnerstag, 20. März 1986: Zarzis:

Letzter "Touristentag": Am Vormittag unternehmen wir einen Versuch, den Hafen von Zarzis anzuschauen. Den versprochenen Fischereihafen entdecken wir nicht, dafür aber einen unansehnlichen Industriehafen.

Am Abend Zauberveranstaltung im Zita.

Freitag, 21. März 1986: Zarzis - Houmt Souk

Nach Norden geht es über den "Römerdamm" auf die Insel Djerba.

Der Römerdamm ist eine völlig normale, gut ausgebaute Asphaltstraße, nur, daß sie durch das - nicht sehr tiefe - Meer führt. Befestigt ist die Route mit Felsbrocken, die im Meer aufgeschichtet wurden. Links und rechts der Straße ankern kleine Fischerboote.

Bei El Kartara biegen wir auf eine Sand- und Geröllpiste nach Westen ab, nach Adjim, der Fährstation, die Djerba mit dem Festland verbindet.

Wir fahren vorbei an Palmen und einem weiten, menschenleeren Sandstrand, passieren ein Dorf, das als Zentrum der Töpferarbeit gilt. Tonkrüge werden hier als Mauerverstärkung genommen, und selbst die Mauern der palmwedelbedachten Hütten - Geräteschuppen - bestehen aus übereinandergestapelten Tonkrügen.

Von Adjim aus trampen wir nach Houmt Souk im Norden der Insel. Houmt Souk - ein Traum in Weiß. Der Souk, beherrscht von den Basaris, zwei Straßencafés auf den beiden größten Plätzen, macht einen wesentlich wohlhabenderen Eindruck als beispielsweise der in Nefta. Angeboten werden Teppiche, Wasserpfeifen, Tonarbeiten, dazu viele Messingteller, vereinzelt Holzschnitzereien.

Ein Spaziergang um Houmt Souk herum führt uns an das alte befestigte Fort, von dem aus man auf den Hafen sehen kann. Eine Besonderheit: Die Kanone neben dem Fort zielt in das Landesinnere.

Der Hafen bietet, zumindest an diesem Tag, nichts besonderes.

Samstag, 22. März 1986: Houmt Souk

Am Vormittag ins Hammam, das Türkische Bad, vergleichbar unserer Sauna, doch mit einer völlig anderen Atmosphäre.

Vormittags ist das Hammam nur für Männer geöffnet, haben Frauen keinen Zutritt. Kasse, Ruheraum und Umkleidekabine befinden sich im gleichen Raum. Noch vor dem Umziehen erhält man die Handtücher, die man dann während des Umziehens um die Hüften gewickelt hält. Die Schamhaftigkeit der arabischen Männer ist schon bemerkenswert.

Als erstes kommt man in den Massageraum, gleich daneben, ohne daß es durch eine Tür abgetrennt wäre, liegt das Dampfbad. Es ist ein einfacher Raum, dessen Dachwölbung den Baustiel der traditionellen Vorratskammern, der Ghafas, verrät. In diesem Raum befinden sich drei Bassins mit unterschiedlich temperierten Wasser, von lauwarm für die Fußwäsche, über heiß, um sich zu erwärmen bis hin zu brütend, um die Raumtemperatur zu erhöhen.

Für den arabischen Mann scheint das Bad ein Ort der Ruhe zu sein. Es ist gibt kaum Gespräche, und auch wir, inzwischen gewohnt, überall angesprochen zu werden, erregen kaum Aufmerksamkeit.

Ein etwa 50jähriger schwarzer Berber mit grauen Bartstoppeln, wie alle anderen in ein Handtuch eingewickelt, fragt mich, ob ich eine Massage will. Schon liege ich auf dem Bauch, der Masseur steigt auf meinen Rücken, und unter seinem Gewicht bleibt mir fast die Luft weg. Arabische Massagen sind um einiges urtümlicher als die bei uns. Ich erhalte zwei Nackenschläge, dann nimmt er meine Füße, biegt die Beine nach vorn zu meinem Hinterkopf. Nun soll ich mich umdrehen, ich sitze, die Beine ausgestreckt nach vorn, auf dem Handtuch. Der Masseur drückt sein Gewicht wieder in meinen Rücken. Zum ersten mal seit langer Zeit gelingt es mir wieder, mit der Stirn meine Knie zu berühren.

Die Prozedur ist, da ungewohnt, durchaus mit Schmerz und Stöhnen verbunden, aber danach fühle ich mich wohlig frisch und gelenkiger als zuvor. Doch die Massage ist noch längst nicht vorbei. Nun folgt die Waschung. Der Masseur nimmt seinen vermutlich aus Kamelhaar oder einer Borstenart gefertigten Waschlappen, beginnt damit, mir zunächst den Rücken zu schrubben. Stolz zeigt er mir die dreckigen Hautfetzen, die er von meinem gequälten Rücken herunterzieht.. Dann sind Brust, Bauch, Arme und selbst das Gesicht an der Reihe.

Am Nachmittag nehmen wir den Bus nach Tanit. Von Houmt Souk aus reiht sich Hotelanlage an Hotelanlage, unterbrochen nur von den großartigen Villen der reicheren Einheimischen und einiger ortsansässiger Ausländer.

Der Strand ist weiß und von einer selten erlebten Ruhe.

Sonntag, 23. März 1986: Houmt Souk - El May - Houmt Souk

Haschemi, einer der Hotelbediensteten, liest uns auf Berberart aus der Hand. Er nimmt die Handoberfläche, tastet dabei die Innenfläche ab, sucht die Lebenslinie heraus, holt ein Stück Papier, malt darauf für uns unverständliche Zeichen. Er irrt, sowohl was die Schätzung unseres Alters betrifft als auch bei der Zahl der möglichen Geschwister.

Dann läßt er uns einen Talisman vom Aussehen eines polierten Steines anfassen, erst mich, rollt ein Stück Papier zusammen, steckt es in eine Aushöhlung des Steines, dann Mona, wiederholt dabei die Prozedur. Mit einem Kugelschreiber zeichnet er nun Linien auf ein Blatt Papier, läßt seine Hand zittern. Den Talisman trägt er inzwischen in einer Hemdtasche an seiner Brust.

Seine Charakterisierung von uns: Mona denke zuviel, mache es sich dadurch schwer; und ich hätte eine Reihe von Problemen gehabt, die dadurch entstanden seien, daß ich zuviel geredet hätte.

Er verstünde nicht viel davon, räumt Haschemi ein, aber wir sollten zu seiner Großmutter gehen, die es tatsächlich verstünde, die Zukunft vorherzusagen.

Am Nachmittag fahren wir mit dem Bus nach El May, wollen die Tour de l’Ile buchen. Doch das ist gar nicht so einfach. Wir fahren bis zum Club Meditaterrané an der Nordküste, müssen dort nachlösen, passieren Midoun, ein unscheinbarer Marktflecken, kommen dann durch Hara, dem Namen nach ein jüdisches Dorf, aber kaum von den arabischen Dörfern zu unterscheiden: die Häuser in weiß, aber mitunter mit einem Spitzdach, an europäische Bauweise erinnernd.

El May ist am Sonntagnachmittag nichts als ein verlassenes Straßendorf mit einigen Cafés, die noch geöffnet haben. Auf dem Markt packen die letzten Händler gerade das übrig gebliebene Gemüse zusammen. Das einzig Bemerkenswerte ist die Moschee, ein völlig nach außen abgeschlossener Bau, abweisend und zugleich anziehend.

Montag, 24. März 1986: Houmt Souk - El Kantara - Houmt Souk

In El Kantara ist Markttag und Fantasia.

Der Ort ist um die Mittagszeit wie ausgestorben, ein öder Flecken. In der Hauptstraße haben nur noch wenige Geschäfte geöffnet, der Markt geht allmählich zu Ende. Er unterscheidet sich in Nichts von den Märkten, die wir bisher gesehen haben.

Vor dem Café am Ende der Hauptstraße wartet die Touristenmenge auf den Beginn der Fantasia. Als erstes kommt die Musikantengruppe, Bläser und Trommler, die ein paar mal ihre Runden drehen.

Dann folgt der Schwerttanz: Vier schon betagtere Männer, zwei hocken auf dem Boden, warten auf den spielerischen Angriff ihrer Gegner. Dann werden die Rollen einfach getauscht.

Schließlich folgt der Umzug auf den eigentlichen Festplatz, eine natürliche Rennbahn, auf der die Reiter ihre Künste zeigen. Vor allem geht es um Präzision: Zwei Mann reiten Seite an Seite, jeder einen Stock in der Hand, und beide Stöcke müssen sich während des ganzen vielleicht hundert Meter langen Ritts an den Spitzen berühren.

Während der ganzen Zeit steht ein geschmücktes Kamel, einen Zeltüberzogenen Thron auf dem Höcker, am Rande der Bahn. Doch die Erwartung, auch noch das Kamel, das immerhin den Zug zum Rennplatz angeführt hat, in Aktion zu sehen, trügt: Nach einer halben Stunde ist die ganze Vorstellung vorbei.

Dienstag, 26. März 1986: Houmt Souk

Wieder ins Hammam: Eine einheitliche arabische Massage mit festgefügten Regeln scheint es doch nicht zu geben. Diesmal habe ich einen anderen, allerdings auch wesentlich schmächtigeren Masseur, und der geht entschieden feinfühliger mit mir um.

Zumindest geht er nicht auf meinem Rücken spazieren, knetet aber dafür den Nacken nach allen Regeln der Kunst. Die anschließende Wäsche ist gründlicher als beim letzten mal: Ich werde vollständig eingeseift.

Am Nachmittag geht es während der Ebbe zum Strand, wo das Meer nun zurückgewichen ist und eine regelrechte Wattlandschaft entstanden ist. Frauen, Kinder, auch einige wenige Männer suchen hier nach Krebsen und Muscheln.

Mittwoch, 27. März 1986: Houmt Souk

Einige Kilometer westlich von Houmt Souk, noch vor dem Hotelgebiet, zieht sich eine Landzunge ins Meer. Ich erreiche sie - auf der Suche nach Mona - vom Hotel Ulysse aus zu Fuß, immer den weißen Sandstrand entlang.

Die Landzunge ist weitgehend menschenleer, und das erste, was man von ihr sieht, ist ein spiegelglattes Sandbecken, das mitunter wohl überflutet ist, jedenfalls aber des öfteren von den Hotels aus zum Strandsegeln benutzt wird. Dazu ist die Landzunge aber auch von Dünen überzogen, hinter denen sich eine schmale Wüsten-Oasen-Landschaft verbirgt, mit Palmengruppen, kleinen Sträuchern, nistenden Vögeln.

Gleich neben dieser Wüste beginnt die vom Meerwasser entblößte Wattlandschaft, einer Heide nicht unähnlich, aber teilweise unter Wasser, durchzogen von überfluteten Gräben.

Am frühen Abend im Fort von Houmt Souk: Von außen zwar nicht gerade ein imposanter Bau, aber immerhin sind die Außenmauern gut erhalten. Das Innere ist jedoch eine Enttäuschung. Eine - römische? - Statue, die historisch kaum hierher gehört, steht am Eingang, an der Wasserseite wurde eine Art Wärterhäuschen auf dem verbliebenen Trümmerfeld errichtet.

Donnerstag, 28. März 1986: Houmt Souk

Unser letzter Tag in Tunesien: Am frühen Nachmittag sind wir noch einmal auf der Landzunge, spazieren am Abend zum letzten mal durch Houmt Souk.

Freitag, 29. März 1986: Houmt Souk - Berlin

Wir verlassen unser Hotel um 5.30 Uhr früh, fliegen nach Tunis, genießen dort vor dem Flughafen noch eine Stunde Sonne, checken dann wieder ein, und landen um 15.00 Uhr auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld. 

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