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beschriebene Orte: Kotu (mit Ausflügen nach
Banjul, Manjaikunda,
Serekunda, Bakau,
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Berending, Albreda,
Juffure, Abuko,
Katchikali) -
Georgetown - Wassau
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Freitag, 30. November 1990: Sal - Banjul - Kotu
Morgens gegen 3.00 Uhr MEZ machen wir eine Zwischenlandung
auf Sal, der Insel, die den einzigen Flughafen der Capverden beheimatet. Sal ist zwar
nicht die Hauptinsel, aber wohl die einzige, die durchgehend trocken ist, deren Fläche
also nicht für die Landwirtschaft genutzt werden kann.
Obwohl es mitten in der Nacht ist, scheint die Temperatur noch
immer drückend.
Das einzige, was ich von Sal zu sehen bekomme, ist der
Transitraum des Flughafens: Ähnlich einer Bahnhofshalle angelegt, total kahl, nur mit
einem winzigen Duty-Free-Shop mit dürftigem Angebot ausgestattet.
Beim Weiterflug nach Banjul sitzt nun eine Reisende neben mir,
die nun zum zweiten mal gerade drei Wochen auf Sal verbracht hat. Sie erzählt von der
Ruhe der Insel und ihren schönen Sandstränden; allerdings sei es schwer, eine Unterkunft
zu finden. Außerhalb der Touristenhotels gebe es weder Pensionen noch sonst etwas. Sie
selbst hatte beim vorigen mal bei einer Einheimischen gelebt, aber das sei teuer und
schlecht - kein fließend Wasser - gewesen.
Wasser scheint auf Sal überhaupt ein entscheidendes Problem zu
sein. In der Flughafentoilette gibt es zwei Wasserhähne: Einen für Süßwasser, einen
für Meerwasser, aber aus dem für Süßwasser kommt nichts heraus.
Leider scheint sich zu bestätigen, was die Reisende aus Bayern
über die Einheimischen der Capverden berichtet: Meine Condor-Präsenttasche ist
jedenfalls, als wir ins Flugzeug zurückkehren, nicht mehr auf ihrem Platz.
Um sechs Uhr Ortszeit, also sieben Uhr MEZ, landet die Maschine
in Banjul, der Hauptstadt von Gambia. Die Einreise verläuft unerwartet einfach: Es gibt
einen Stempel in den Pass - und schon ist man über der Grenze.
Dafür wird die Gepäckausgabe zum Problem. Es gibt nämlich
keine Förderbänder, sondern man muss warten, bis die Lorrys mit dem Gepäck vom Rollfeld
angefahren kommen. Das ganze dauert etwa eine Stunde - jedenfalls kommt es mir so vor. Das
Chaos veranstalten dabei aber nicht die Einheimischen, sondern die Touristen, die immer
wieder über die Absperrung klettern, weil sie glauben, so eher an ihr Gepäck zu kommen.
Wobei: Die Einheimischen, die mit Touristen zu tun haben, sind
auch nicht unbedingt die besten Vertreter ihres Volkes. Nach der Zollkontrolle - man geht
einfach an ihr vorbei - ist kaum jemand in der Lage, präzise zu sagen, welcher Bus nun
für welches Ziel bestimmt ist. Dafür will der Träger, der mein Gepäck einfach in einen
beliebigen Bus stellt, zehn DM haben. Beides ist jedenfalls eine Frechheit, ich gebe ihm
trotzdem immerhin 50 Pfennige - und er ist ziemlich sauer.
Kurz nach sieben Uhr, es wird langsam hell, komme ich im
Kotu-Beach-Hotel an. Ich habe einen Bungalow mit Blick aufs Meer: Das Rauschen der Wellen
begleitet mich die ganze Zeit über.
Zwei Spaziergänge:
Am Hotel nach rechts, Richtung Norden, den Strand entlang, an
den benachbarten Hotels vorbei bis zu einem kleinen Touristenmarkt mit Holzschnitzereien,
Textilien und ähnlichem sowie einem Taxistand. Man kann keinen Schritt gehen, ohne von
irgendwelchen Leuten angesprochen - besser: belästigt - zu werden. Ständig heißt es
"Hallo", "Where are You from?" und "What is Your name?". Es
ist zwar nicht so schlimm wie in Ägypten, aber die Warnung der Reiseführer ist durchaus
berechtigt.
Hinter den Felsen am Strand, so erzählt die NUR-Reiseleiterin,
läge ein Fischerdorf. Allerdings solle man besser dort nicht hingehen. Also scheint mir
dieses Dorf ein lohnendes Ziel zu sein.
Mein zweiter Spaziergang führt über die Asphaltstraße zu
einem kleinen Fluss. An meiner Touristenkarte kann hier allerdings etwas nicht stimmen:
Entweder ist dieser Flusslauf nicht verzeichnet - oder aber er müsste südlich vom Hotel
ins Meer fließen und nicht, wie auf der Karte verzeichnet, nördlich.
An einer Brücke geht es runter an das sumpfige Ufer, auf der
anderen Flussseite wirft ein Fischer sein Netz ins Wasser, unmittelbar vor dem Golfplatz.
Im Schlick tummeln sich Kaulquappen und Insekten, ich sehe Störche, dazu bunte Vögel,
wie ich sie bisher nicht kannte. Das Vogelgezwitzscher und Gegurre bildet eine
ununterbrochene Geräuschkulisse.
Neben dem
Fluss liegen gleich die Felder. Eine Bäuerin
schlägt mit freiem Oberkörper Palmenrinde mit einer Machete. Erstaunlich, wie nah doch
das "ursprüngliche Afrika" neben den Touristenburgen liegt.
Die Menschen reagieren hier auch anders als die vom Strand.
Statt mit "Hallo" grüßen mir entgegenkommende Bauern mit "Jama" oder
"I sama" - den Wolof-, beziehungsweise Mandinka-Worten für "Guten
Tag".
Meine Reiseführer vermerken über Kotu übrigens,
dass der Ort
über einen Golfplatz verfüge, dessen Betreten Vagabunden ausdrücklich untersagt sei.
Samstag, 1. Dezember
1990: Kotu - Manjaikunda - Serekunda - Banjul - Bakau - Kotu
Morgens um acht Uhr erlebe ich eine böse Überraschung:
Ich habe verschlafen, wurde trotz Auftrag nicht wie geplant um sieben Uhr geweckt. Das
ruhige Frühstück kann ich damit vergessen, denn um 8.40 Uhr soll ich abgeholt werden.
Und der Rundreisebus ist auch tatsächlich pünktlich!
Erste Station:
Manjaikunda, ein kleines Dorf, dessen einzige
Besonderheit ein riesenhaft gewachsener Affenbrotbaum ist, in dessen Schatten sich ein
kleiner Markt befindet. Das Angebot auf den halbleeren Holztischen besteht vor allem aus
Früchten, in den Bretterbuden zur Straße entdecke ich einen Schuhmacherladen, ein
Geschäft für Seife und ein "Restaurant", das allerdings gerade geschlossen
hat. Dazu gibt es überall die Kinder, die es auf die Kugelschreiber der weißen Besucher
abgesehen haben.
Der Übergang nach
Serekunda verläuft fließend, macht sich
noch am ehesten durch den totalen Verkehrsstau bemerkbar. Nichts geht mehr!
Der "Einheimischen-Markt von Serekunda ist ziemlich klein,
man kann ihn von der Straße aus überblicken. An den meisten Ständen werden Textilien
angeboten.
Vor Serekunda aus geht es über ein Stück neue
"Autobahn" am Meer entlang nach Banjul. Vor Banjul liegt noch einmal eine Kette
mit Hotels, ihnen unmittelbar gegenüber Fabriken - und das Gefängnis.
Erster Halt in Banjul: Das Nationalmuseum. In der
zweistöckigen Villa sind die meisten Ausstellungsstücke nicht aus Gambia. Bei den
Exponaten geht nämlich um die Jungstein- und die frühe Eisenzeit - aber nicht eine
einzige der erwähnten Fundstellen liegt in Gambia. Selbst die Karte, die den Weg des
Eisens nach Westafrika zeigt, macht am Niger halt.
Was sich von den Exponaten auf Gambia direkt bezieht: Enge
Handschellen, die die Hände des Gefangenen unmittelbar aneinander fesseln. Der Größe
nach könnten es aber auch Ketten für die Füße gewesen sein. In jedem Fall: Andenken an
die Zeit der Sklaverei.
Das Nationalmuseum liegt an der Independence Street, der
Hauptstraße von Banjul, ebenso wie das Parlament, dessen Gebäude kleiner ist als das
benachbarte Zentrum eines Ballsport-Verbandes und das Büro des Bürgermeisters, das über
einer ausgedienten Lagerhalle oder einer Garage zu liegen scheint.
Gegenüber vom Albert-Markt befindet sich ein Stadion: Es ist
der Welt-Aids-Tag, und angeführt vom YMC - vorneweg Mädchen in weißen Blusen und blauen
Röcken, dahinter die christlichen Jungen - prozessiert die Menschenmenge ins Stadion. Ein
"sauberer" Aufmarsch: Männer und Frauen sind sorgfältig getrennt - wobei
Männer allerdings ohnehin fast nur in den Reihen der Polizeikappelle vorkommen. Nach den
Anhängern des Vereins Christlicher Junger Männer bestimmen die Frauen in ihren bunten
Kleidern das Bild dieser Anti-Aids-Prozession.
Auf dem Albert-Markt herrscht ein Gedränge,
dass ein
Vorwärtskommen, ohne irgend etwas von der Ware auf den Boden zu werfen und zu zertreten,
nur schwer möglich macht. Man hat den Eindruck, dass es hier keine Kunden und Käufer
gibt, sondern dass jeder Marktbesucher beides zugleich ist.
Vergleichsweise "friedlich" geht es in der
"Textilstraße" des Marktes zu. Aber dafür ist es auch überaus stickig, weil
über den Ständen Planen hängen, die keinen Sonnenstrahl und auch keinen Lufthauch
hindurchlassen.
Neben dem Albert-Markt ist ein sogenannter Touristenmarkt:
Verkauft werden Batiken, Schnitzereien - und auch Schildkrötenpanzer. Trotzdem: Es
scheint hier mehr Händler als Touristen zu geben.
Auf der anderen Seite des Touristenmarktes fließt der Gambia.
Aber die Einheimischen an seinem Ufer wollen keine Fotos, obwohl die auszumachende Insel
mit den Pirogen davor ausgesprochen romantisch aussieht.
Bakau wartet ebenfalls mit einem Touristenmarkt und einer
Batik-Manufaktur auf. Wandbehänge mit einheimischen Motiven - einer der Wandbehänge
zeigt einen Sklaven in Ketten - gibt es zwischen 50 und 500 Dalasis, also zwischen 12 und
120 DM.
Gegen 14 Uhr ist die City-Tour wieder vorbei. Den Rest des
Tages verbringe ich am Strand.
Am Abend gibt es im Hotel eine Folklore-Vorführung im Hotel.
Teil 1: Zwei Tänzer symbolisieren die Jäger, ausgestattet mit
Holzgewehren, ein Dritter mimt das Urwaldungeheuer. Auf der Strecke bleiben schließlich
das Ungeheuer und einer der beiden Jäger. Der Sieger tut seinem Triumph mit einem
"Urwaldschrei" - der einem Tarzan allerdings nicht zur Ehre gereichen würde -
kund.
Nächster Programmpunkt: Feuerzauber. Nicht nur die
Feuerschlucker selbst, sondern auch einige der Tänzerinnen versuchen sich an den Flammen.
Und die werden nicht nur geschluckt, sondern auch an den Schultern und Beinen verrieben.
Nach der Tanzeinlage - trotz Aufforderung macht keiner der
Touristen mit - führt ein Fahrradakrobat die Show weiter. Sein beeindruckendstes
Kunststück: Während er freihändig auf dem einen Fahrrad balanciert, hält er das andere
mit seinen Zähnen in der Luft.
Sonntag, 2. Dezember
1990: Banjul - Barra - Berending
Am schwersten ist der Weg aus dem Hotelviertel heraus.
Normalerweise steht ein Touristentaxi - "Mafia-Taxi" nannte sie unser
Stadtführer von der City-Tour - vor dem Hotel, aber heute gibt es nicht einmal das.
Ich habe Glück: Ein Schwede, der hier fast wie zu Hause ist,
nimmt mich in seinem Wagen mit, setzt mich in Serekunda am Markt ab, wo auch schon ein
Buschtaxi steht. Das Taxi ist ein VW-Transporter, bis auf den Klapp-, also den Notsitz und
den Fußboden besetzt, und über die Autobahn gehts nun die gleiche Strecke wie
gestern nach Banjul. Die Fahrt kostet drei Dalasis - der korrekte Preis, den auch die
Einheimischen zahlen.
Die paar Schritte zur Fähre könnte ich in Banjul sicherlich
auch zu Fuß gehen, aber ich lasse mich in ein Taxi verfrachten. Der Fahrer kann kein
Englisch. Er sagt, er käme aus dem Senegal, spreche deshalb nur französisch. Seit einem
Jahr lebe er in Gambia, weil es hier einfacher sei Arbeit zu finden als in Senegal.
Nach wenigen Minuten sind wir am "Ferry-Terminal",
und da habe ich den Salat: Der Kerl verlangt zehn Dalasis, lässt sich auch nicht mehr
herunterhandeln. Im Grunde ist es meine Schuld, weil ich gegen das eherne Gesetz
verstoßen habe: Handle stets erst den Preis aus und warte, bis ein Einheimischer für die
gleiche Dienstleistung bezahlt hat.
Es ist kurz nach neun Uhr, die nächste Fähre - der Fahrpreis
für eine Tour über den Fluss beträgt drei Dalasis - geht erst gegen zehn Uhr. Vor der
Ablegestelle herrscht reges Markttreiben. Fliegende Händler bieten Zigaretten an, Uhren
und Einkaufstaschen. Ein Junge will mir eine solche Einkaufstasche aufdrängen: Ich sage,
ich brauche keine, und daraufhin meint er, ich solle meinen Preis nennen. Bei aller
Geschäftigkeit fehlt den Händlern hier das richtige Feeling für den Umgang mit Kunden -
zumindest mit europäischen Kunden.
Vom Wasser aus gesehen wirkt Banjul noch ländlicher als in der
Stadt selbst, und verschiedene Uferstraßen erscheinen jetzt als regelrechte
Fischerdörfer. Wahrscheinlich sind es auch Fischerdörfer, die nun zur Hauptstadt
gehören!
Die Kolonialgeschichte von
"Fort Bullen", dem
englischen Stützpunkt gegen Eingeborene und Sklavenjäger aus anderen europäischen
Ländern, liest sich eindrucksvoller, als die Ruinen wirklich sind. Der erste Eindruck
noch von der Fähre aus: Ein größeres ummauertes Eingeborenenhaus, das sich neben den
Erdnuss-Fabriken am Hafen geradezu unbedeutend ausnimmt.
Vom Hafen aus sind es 200 Meter nach links, um über eine
staubige Straße zum Fort zu gelangen. Der Weg führt vorbei am Victoria-Hotel, von dem es
in Michael Tomkinson Reiseführer ("Gambia, ein Ferienführer", London, 1983)
heißt, es habe schon bessere Tage gesehen. Nun sind wohl selbst die schlechten Tage
vorbei: Das Hotel steht leer, die Fensterscheiben sind längst zerbrochen.
Die 200 Meter allein zu gehen ist unmöglich. Ein angeblicher
Schuljunge drängt sich mir auf, behauptet, einen "Sponsor" für sein Studium zu
suchen.
Vom Fort Bullen ist nicht mehr übrig geblieben als eine
rostende Kanone, die im vergessen im Gras liegt, vier Mauern und den Aussichtstürmen. Der
Hof ist leer und verwildert, es gibt absolut nichts besonderes zu sehen.
Ein Abenteuer wird die Fahrt nach
Berending. Ich vermute, daß
der Fahrpreis zwischen drei und fünf Dalasis liegen dürfte. Das erste Angebot, das mir
eröffnet wird, beträgt allerdings 150 Dalasis. Ich will den Kerl stehen lassen, er geht
mit seinem Preis auf 75 Dalasis herunter. Begründung für seine Forderung: Er hätte
schon Touristen, die 150 Dalasis zahlen würden, für 75 würde er mich ebenfalls
mitnehmen.
Am Taxistand hinter dem Markt geht das Feilschen weiter. In
einem altersschwachen Peugeot, dessen Türen klemmen und dessen Seitenfenster bereits
herausgefallen sind, geht es dann schließlich auf einer Piste voller Schlaglöcher nach
Berending - für zehn Dalasis.
Wir sind in der Savanne. Die Vegetation besteht vor allem aus
Büschen und Sträuchern, nur selten unterbrochen von - meist ungepflegt wirkenden -
Hirsefeldern. An einem riesigen Affenbrotbaum biegen wir nach links ab, vorbei an ein paar
Lehmhütten, gelangen an eine Moschee. Wir sind in Berending, dem Dorf der heiligen
Krokodile.
Eine Mutter sitzt am Straßenrand, stillt dabei ihr Baby. Sie
will, dass ich sie fotografiere. Aber kaum ist der Fotoapparat schussbereit, ist sie von
einem ganzen Schwarm Kinder umgeben. Und schließlich wollen alle Geld! Ich suche einen
Dalasi raus - mein letztes Kleingeld. Ein Restaurant oder ein Café, in dem ich etwas
wechseln könnte, gibt es hier natürlich nicht. Ein paar Jungen zwischen acht und zwölf
Jahren befreien mich schließlich aus meiner misslichen Situation.
Vom zehnjährigen Ebrahim - er geht in Berending zur
Grundschule - erfahre ich, dass der Ort ein reines Mandinko-Dorf ist. Jedenfalls seien er
und alle seine Freunde Mandinkas. Die Jungen führen mich in das einzige Geschäft, ich
gebe zwei Flaschen Sprite für die ganze Bande aus. Jede Flasche kostet drei
Dalasis:
Vermutlich das teuerste, was es in diesem Laden gibt!
Nun geht es durch die Felder zu den Krokodilen. Vor dem Tümpel
passieren wir noch eine "Palmen-Plantage", ein alter Mann hat sich auf einer
Holzbank ausgestreckt: Der "Wächter der Krokodile". Wie üblich will er erst
zehn Dalasis; ich erwidere, der Eintrittspreis läge bei einem Dalasi, zwei bekommt er
schließlich. Wir rauchen eine Zigarette, und er erzählt, daß sehr viele Touristen zu
den Krokodilen kämen, und das die beste Zeit, die Krokodile zu sehen, der frühe Morgen
sei. Jetzt um die Mittagszeit bin ich allerdings der einzige Tourist, und die Krokodile,
so meint der Alte, liegen um diese Zeit in ihren Höhlen.
Besonders gefährlich können die Krokodile von Berending
jedenfalls nicht sein. An einem der Tümpel grast eine Rinderherde. Der Boden ist
morastig. Wir ziehen zu einem benachbarten Tümpel. Tatsächlich grasen hier keine Kühe
mehr, und an den Ufern entdecke ich einige Krokodilhöhlen.
Ebrahim erzählt,
dass es hier sogar ein weißes Krokodil gebe,
aber momentan ist gar kein Tier zu sehen, lediglich einige Schleifspuren, die in die
Höhlen weisen. Die Jungen fangen nun in einem anderen Tümpel mit bloßen Händen Fische
- "Kondo" ist das Mandinka-Wort für die welsartig aussehenden Exemplare -
werfen ihre Beute an Land. Ein gutes Dutzend Fische kommt auf diese Weise zusammen.
Mit Hilfe zweier Fische soll nun ein Krokodil aus seiner Höhle
gelockt werden. Einer der Jungen bindet einen Fisch an einen Palmenwedel, stößt ihn in
die Krokodilhöhle, der Fisch bleibt in der Höhle - und das Krokodil auch. Nach
eineinhalb Stunden gebe ich die ganze Aktion, ein Krokodil zu Gesicht zu bekommen, auf.
Bei
Ebrahim, besser gesagt: im Haus seines Vaters, soll ich auf
das Taxi nach Barra warten. Das Taxi kommt nicht; statt dessen bringt Ebrahims Mutter das
Essen: Eine große Emailleschale voller Reis mit einer bräunlichen Sauce obenauf. Und ich
bekomme den einzigen Löffel, wobei die Jungen ungeniert mit ihren Fingern in den Trog
greifen. Ich halte mich an den Rand, nehme so wenig wie möglich, gerade soviel, daß es
nicht unhöflich erscheint.
Eindrücke eines Mandinko-Gehöfts: Alles gruppiert sich um den
Hof, Großmutter liegt in der Sonne, die Mutter stillt ein Baby, Hunde spielen - der Vater
ist vermutlich auf dem Feld.
Ich hege schon die Befürchtung, zu Fuß nach Barra zu müssen,
mache mich bereits auf den Weg, stoße aber dann im Nachbardorf auf ein entgegenkommendes
Taxi, das zwar zunächst nach Berending zurückfährt, mich aber dann für fünf Dalasis
nach Barra bringt.
Über Bakau geht es zurück nach Kotu, gegen 19 Uhr bin ich
wieder im Hotel.
Montag, 3. Dezember
1990: Kotu Beach Hotel
Ich verbringe einen faulen Tag am Strand und am Pool des
Hotels, mache dazu die Erfahrung: Hoteltage, an denen man nichts tut, sind teurer als die
Abenteuertage außerhalb der Hotelanlage. Ich buche zwei organisierte Touren:
"Roots" für 72,- DM mit TUI und mit Hetzer für 400 Dalasais nach Senegal.
Dienstag, 4.
Dezember 1990: Albreda - Juffure
Von einem Hafen im eigentlichen Sinn kann man bei Banjul
eigentlich nicht sprechen - jedenfalls nicht in dem Teil, in dem wir an Bord unseres
Schiffes gehen.
Vor dem Ufer liegen ausgemusterte Boote, rosten und sinken
allmählich vor sich hin. Das Brackwasser ist in den Boden gezogen, hat eine Schlamm- und
Modderlandschaft geschaffen. Zwischen den hölzernen Fischerbooten, den Pirogen - nur bei
einigen lässt sich präzise bestimmen, ob sie noch in Betrieb sind oder nicht - nimmt
sich unser bescheidenes Ausflugsschiff wie eine Luxusjacht aus.
Gut zwei Stunden fahren wir auf dem Strom, passieren zwei
kleine Inseln - Dog Island und Pelikan Island - und immer wieder leere Fischerboote.
Während die Fische wohl von selbst in die Netze gehen sollen, gehen die Fischer
unterdessen einer anderen Tätigkeit nach.
Eine ganz andere Methode des Fischens auf dem Gambia: Über
zwei Korkbogen wird eine Holzstange gebunden, ein Netz aufgehängt, fertig ist die
Fangvorrichtung.
Albreda ist unsere erste Station. Die Kinder des Dorfes warten
schon auf die Kugelschreiber und die Dalasis. Albreda - das sind vor allem die Ruine der
französischen Handelsstation und der "Freiheitspark", symbolisiert durch eine
Kanone. Sklaven, die diesen Platz erreichen konnten, galten als frei.
An den Lehmhütten vorbei, geht es - die Kinder an der Hand -
ins Nachbardorf Juffure, nach Alex Haleys "Roots" das Heimatdorf von Kunta
Kinte. Die tatsächliche Lage und die Geschichte des Ortes spricht zwar gegen diese
Romanversion, aber immerhin vermarktet Juffure den Roman in Form eines eigenen
Touristenmarktes: Eine Bretterbude und drei Stände mit den üblichen Holzschnitzereien.
Im "Dorfkern" befindet sich der Veranstaltungsplatz -
ein Rundbau für vielleicht 20 Personen. Hier statten wir zunächst beim
Dorfbürgermeister Karetere Tau, angeblich 97 Jahre alt, einen Höflichkeitsbesuch ab. Der
Besuch beim Bürgermeister, so der Reiseleiter, sei die erste Pflicht jedes Ankömmlings.
Karetere Tau selbst spricht nicht mit uns, er
lässt den
Reiseleiter sprechen. So erfahren wir immerhin: Die Position des Bürgermeisters - besser
wäre wohl: des Dorfältesten - ist eine ehrenamtliche Aufgabe, die durchaus eines Tages
auf den ältesten Sohn des jetzigen Amtsinhabers übergehen kann - vorausgesetzt, er wird
vom Dorf akzeptiert. Hauptaufgabe des Bürgermeisters: Das Eintreiben der Steuern, und
zwar jedes Jahr nach der Ernte. Karetere Tau, Moslem, sei übrigens mit zwei Frauen
verheiratet und er denke nun daran, sich eine dritte zu nehmen.
Inzwischen hat ein Gehilfe des Bürgermeisters den
"Tresor" gebracht, und der Reiseleiter kommt auf den eigentlichen Zweck unserer
Bürgermeisteraudienz zu sprechen: Die Krankenstation des Dorfes soll verbessert, die
Schule muss renoviert werden. Kurz: Der Bürgermeister bittet um Spenden für sein Dorf.
Nächste Station: Das Gehöft von Binta
Kunte. Die 76jährige
spricht ebenfalls nicht selbst, sondern lässt den Reiseleiter für sich (?) sprechen. Sie
sei im Dorf Juffure die letzte aus der Familie der Kintes, und ihr Mann, der
Geschichtenerzähler, habe Alex Haley viele Einzelheiten aus der Zeit von Kuta Kinte
berichten können.
Immerhin scheinen die Einwohner Juffures in der letzten Zeit
einiges gelernt zu haben. Ein Tourist fotografiert eine Einheimische - und die,
argumentierend wie ein deutscher Rechtsanwalt, verlangt eine Entschädigung von fünf
Dalasis, da sie vorher ja schließlich keine Einwilligung gegeben habe. Der Reiseleiter
schlichtet den Streit mit einem Trinkgeld, und schließlich ist die Gute geradezu darauf
versessen, mit einem "Willkommen"-Wimpel in der Hand fotografiert zu werden.
Von Albreda aus laufen wir James Island an, eine unscheinbare
Insel, deren Fort-Ruine aber daran erinnert, welche Rolle dieses Eiland im Strom zur Zeit
der Sklavenjagd gespielt hat. Ein winziges Verlies, vielleicht vier mal zwei Meter, ohne
Licht und Lüftung, war der Raum, in dem die Sklaven, bis zu 20 Menschen, mitunter eine
Woche lang auf ihre Verschiffung warten mussten. Wer diese Zeit nicht überlebte, wurde
ins Wasser geworfen.
Eigentlich unverständlich, warum diese Ruine nicht zum
nationalen Mahnmal erklärt wurde, in Gambia kein einziges Museum an die Sklaverei
erinnert. Aber wahrscheinlich passt das nicht zu dem Ferienimage, das das Land für die
Touristen aufbauen möchte.
Ein herrliches Schauspiel bei der Heimfahrt Richtung
Banjul:
Eine Gruppe Delphine spielt vor unserem Schiff; es sind mindestens 20 Tiere, die durch die
Wellen springen.
Wenig später springen auch wir in die Fluten des Gambia: Eine
- salzige - Erfrischung in den heißen Nachmittagsstunden.
Mittwoch. 5.
Dezember 1990: Abuko
Eine Stunde lang warte ich auf den Wagen für die
Jeepsafari in den Süden, nach Senegal. Dann ergibt ein Anruf bei der NUR-Reiseleitung,
dass sie mich ganz einfach vergessen haben. Also kann ich die Safari nur noch nächste
Woche machen.
Bei meiner Fahrt nach Abuko ergibt sich das bekannte Problem:
Wie komme ich aus dem Touristenviertel heraus?
Schließlich finde ich ein Buschtaxi, habe nun aber zwei
Probleme: Erstens hat sich ein "friend" und "guide" namens Mohammed
auf meine Fersen geheftet, den ich den ganzen Tag nicht mehr los werde, und ich ziehe mir
den Zorn des Chefs der Touristentaxis zu. Dieses zweite Problem wird durch einen
lautstarken Streit gelöst, bis ich endlich für zwei Dalasis nach Serekunda fahren kann.
Das Problem Mohammed bleibt aber, und dafür kann ich den
ganzen Tag mitzahlen.
Zunächst geht es auf den Einheimischen-Markt in Serekunda -
ein wahrscheinlich typischer Markt nicht nur für Westafrika, sondern für die ganze
Dritte Welt: Überwiegend Textilien - im wahrsten Sinn des Wortes "second hand"
-, lose Lebensmittel wie einheimische Eier, lebende Hühner, das ganze um eine kleine aus
Lehm gebaute Moschee gruppiert.
Hinter dem Markt liegt die Taxistation. Fahrpreis nach Abuko:
vier Dalasis, möglicherweise aber auch nur drei.
Abuko - das ist ein botanischer Garten mit freilebenden Tieren
oder auch ein Zoo mit angeschlossenem botanischen Garten - wie immer man es sehen will.
Der erste Weg führt mich zum Krokodil-Pool. Doch es ist wie
schon in Berending: Die Krokodile sind außer Haus. Doch das Warten im Besucherpavillon
lohnt sich: Schließlich bekomme ich nicht nur eigenartige Vögel zu sehen, denn nun
steckt auch ein Krokodil seine Nase aus dem Wasser, wechselt dann über die Landzunge in
den Nachbarpool. Ein etwas kleineres Krokodil bleibt unterdessen im anderen Tümpel
zurück.
Ein regelrechter Dschungelpfad führt durch die
Abuko-National-Reservation: Echsen schleichen durch das Unterholz, eine Affenhorde kreuzt
unseren Weg.
Am Getränkestand begegnen sich die Welten von Reservation und
Zoo: zwei Löwen, einer davon ein Geschenk der British Caledonian Airways an das
"gambische Volk", eine Antilope und einige "frei" fliegende Geier sind
die Bewohner des Zoos. Angeblich soll es hier auch Hyänen geben - aber wir bekommen keine
zu sehen.
Geier und Hyänen sind die richtigen Stichworte, um auf meinen
Begleiter und "Freund" Mohammed zu sprechen zu kommen. Die Ideen mancher
"Beachboys", um an Geld zu kommen, sind schon recht erstaunlich.
Zum ersten mal angesprochen hatte mich Mohammed vor zwei Tagen,
als ich am Strand spazieren ging. Da hatte er mich fast einen Kilometer weiter in die Bar
eines angeblichen Bruders geschleppt. Sein Problem war, dass ich natürlich kein Geld
dabei hatte, die Schlepperprovision also ins Wasser fiel.
Nun also sah er mich vor dem Taxistand wieder - und schon hatte
ich meinen "Guide" - der übrigens im Abuko-Park tatsächlich viele Tiere vor
mir sah, mich auch auf einiges aufmerksam machte.
Er hatte auch durchaus seine Mühe mit mir: Er organisierte die
Taxis, führt mich in eine Kaserne, wo ein anderer Bruder gerade seinen Militärdienst
leisten soll. Die Kaserne macht allerdings nicht den Eindruck eines Militärcamps, trotz
Fahnen und entsprechenden Hinweisschildes, sondern wirkt wie eine Bungalowsiedlung für
Junggesellen, jedenfalls für afrikanische Standards.
Natürlich braucht auch Mohammed Dalasis - und zwar meine. Also
erzählt er mir von seinem eine Woche alten Baby, das er mir unbedingt zeigen will, von
der Taufe, die morgen sein soll (der Gute ist Mohammedaner), und dass er dafür 180
Dalasis benötigt. Als sein Freund könnte ich ihm da aus der Klemme helfen. Ich hatte ihm
schon vor dieser ganzen Diskussion 25 Dalasis gegeben, gebe ihm nun noch einmal den
gleichen Betrag, lasse ihn schließlich leicht verärgert stehen und gehe ins Hotel
zurück. Es ist mittlerweile fast 18 Uhr.
Trotzdem
muss man die Relationen sehen: Für umgerechnet knapp
zwölf Mark hat er den ganzen Tag meinen Führer gespielt und allein durch seine
Anwesenheit dafür gesorgt, dass mich andere Gauner nicht so sehr über den Tisch ziehen
konnten. Alles in allem bin ich so noch billiger gefahren, als wenn ich den ganzen Tag in
Touristentaxis auf Touristenpfaden verbracht hätte.
Donnerstag, 6.
Dezember 1990: Georgetown - Wassau
Die Straße zwischen den Küstenstädten und Georgetown
beziehungsweise weiter nach Basse ist - neben dem Fluss - die Hauptschlagader des Landes.
Ihr Zustand ist allerdings nicht entsprechend. Auf einer Buschpiste ohne Asphalt wäre das
Vorwärtskommen einfacher als hier, wo riesige Schlaglöcher die Tour zu einer Rumpelfahrt
werden lassen, bei der der Reisende vor allem kräftig durchgeschüttelt wird.
Pünktlich um 7.15 Uhr beginnt unsere Reise ins Landesinnere.
Zunächst herrscht das übliche Bild, aber etwa der Bezirksgrenze der Lower River Division
beginnt "Bilderbuch-Afrika".Rundhäuser aus Palmenwedeln treten verstärkt an
die Stelle der an der Küste vorherrschenden Stein-, Lehm- und vor allem Wellblechhütten,
und auch die kleinen Märkte mit dem lebenden Vieh machen einen lebendigeren Eindruck als
die größeren Märkte im Westen. Interessanterweise ist hier selbst die Asphaltstraße in
einem gepflegteren Zustand.
Georgetown liegt auf der Mac Carthy Island, und dahin müssen
wir mit der Fähre übersetzen. Aber die Fähre ist noch am anderen Ufer, also heißt es
zunächst: Warten.
Der Markt an der Fährstation bietet nicht viel: Bananen,
Zigaretten - das ist eigentlich schon alles. Doch die Fähre, die die Provinzhauptstadt
mit dem Festland verbindet, ist ein Kapitel für sich: Muskel- statt Motorkraft ist
angesagt. Die männlichen Fahrgäste ziehen selbst an dem- teilweise rostigen - Drahtseil
die Fähre hinüber.
Das moderne Georgetown ist vor allem eine unansehnliche
Ansammlung von Blechhütten. Das alte koloniale Georgetown, dessen Überreste heute noch
als Post oder Sitz der Elektrizitätsgesellschaft genutzt werden, muss im Vergleich dazu
ein imposantes Bild geboten haben.
Ein ummauerter "Park", allerdings nur in der Größe
eines Gartens, erinnert an die Abschaffung der Sklaverei: Neben drei Bäumen und einer
alten Kanone gibt es hier allerdings nur ein Hinweisschild auf den einstigen
Gouverneurssitz.
Die Ruine am nördlichen Hafen soll ein Überbleibsel des
Sklavenhandels sein. Nur die Außenmauern mit ihren zugemauerten Fenstern stehen noch, das
Innere der Ruine ist buschbewachsen. Angeblich sollen die Sklaven hier bis zu ihrem
Abtransport gefangen gehalten worden sein. Der Reiseführer von Michael Tomkinson
bezweifelt allerdings den Wahrheitsgehalt dieser Aussage, weil ein so
"luxuriöser" Bau kaum für Sklaven gedient haben könnte, zumindest nach
Meinung von Tomkinson.
Wieder auf das Festland, diesmal die nördliche
Flussseite, zu
kommen, ist gar nicht so einfach. Seit drei Tagen ist die Fährverbindung unterbrochen;
unser Reiseleiter muss ein anderes Boot auftreiben. Der Bus bleibt in Georgetown zurück.
Unser Buschcamp auf der gegenüberliegenden Seite von
Georgetown verdient seinen Namen im wahrsten Sinn des Wortes. Eine Rundhütte aus Holz
dient als Restaurant, zwei steinerne Rundhäuser - ohne Elektrizität - beinhalten die
Gästezimmer. Überall auf den Wegen laufen Hühner herum, in den Bäumen am Rand des
Camps toben die Affen.
Unser Reiseleiter hat einen altersschwachen Bus aufgetrieben,
der uns zu den Steinkreisen von Wassau bringen soll. Durch die kultivierten Felder geht es
auf eine - laut Reiseführer und Karte 18 Kilometer lange - erstaunlich gute Piste nach
Wassau, dem gambischen "Stonehenge".
Wozu die Steinkreise dienten, ist in dem benachbarten
"Museum" - eine Steinhütte, an deren Wänden handgeschriebene Erklärungen
hängen - auch nicht zu erfahren. Angeblich soll es sich um Gräber handeln. Allerdings
wenden Skeptiker gegen diese Erklärung ein, daß die hier tatsächlich gefundenen Gräber
um einiges älter als die Steinkreise sind.
Für die Einheimischen sind die Kreise jedenfalls zum
Glücksbringer geworden. Wer einen kleinen Stein auf einen der größeren legt, darf sich
etwas wünschen, und sein Wunsch wird erfüllt Werden. So liegen auf allen Steinen der
Zirkel - nicht einmal die genaue Zahl der Kreise ist bisher bestimmt - schon regelrechte
kleine Pyramiden roter Steinchen.
Auf der Rückfahrt zum Camp halten wir an einem afrikanischen
Gehöft. Zwei Rundhütten innerhalb des ummauerten Gehöftes, das mit dem Bett gehört den
Eltern, in der anderen schlafen die älteren Kinder. In der einen Ecke des Hofes wird die
Hirse gelagert, eine andere Ecke mit einer offenen Feuerstelle dient als Küche. Alles
beschränkt sich auf das absolut Lebensnotwendige, aber zumindest daran scheint hier auch
keine unmittelbare Not zu herrschen.
Eine sternklare Nacht über Georgetown und seiner Umgebung. Wir
warten auf die afrikanische Tanzgruppe. Der Reiseleiter hält es für ungewiss, ob sie
überhaupt kommt, denn irgendwo in der Nachbarschaft ist eine alte Frau gestorben, und, so
meint, wahrscheinlich musste die Gruppe nun zunächst dort auftreten. Kurz nach neun Uhr
erscheint sie dann aber auch bei uns.
Keine Kostüme, keine Masken, eine ganz normale
Dorfgemeinschaft, die den Abend mit Singen und Tanzen am Feuer verbringt. Die Sänger
halten sich im Hintergrund, irgend jemand springt hervor, tanzt ein paar Takte, tritt dann
wieder zurück. Wer von diesem vorübergehenden Solotänzer das Tuch zugeworfen bekommt,
bestreitet den nächsten Auftritt. Auch wir Touristen bleiben von diesem Ritual nicht
ausgenommen.
Freitag, 7. Dezember
1990: Mac Carthy Island/Sapu
Um viertel vor sieben - es ist noch dunkel - werden wir
geweckt. Nach dem Morgenkaffee gehts zu einem Spaziergang in den Busch: Vögel
beobachten. Was vermutlich jedem Ornithologen das Herz höher schlagen lassen würde,
bleibt mir allerdings ein Buch mit sieben Siegeln.
Merken kann ich mir nur die zuhauf vorkommenden Geier, eine
kleinere Vogelart mit extrem langen schwarzen Schwanzfedern und den Kardinalsvogel.
Nach dem eigentlichen Frühstück brechen wir zu einer
Bootsfahrt auf dem Gambia-River auf, die uns bis nach Sapu führen wird, wo schließlich
unser Bus wartet.
Doch zunächst geht es in die Seitenarme des Gambia, in der
Hoffnung, Krokodile, vielleicht sogar Flusspferde zu sehen. Doch diese Hoffnung wird
enttäuscht. Statt dessen stoßen wir natürlich wieder auf Unmengen von Vögeln und auch
eine ganze Reihe von Affen, die in den Bäumen spielen.
Am vorbereiteten Lager steigen wir vom Motorboot in eine Piroge
um, müssen nun selbst paddeln. Bäume sind in den Fluss gestürzt, bilden gleichsam
kleine "Inseln".
Das Bild einer afrikanischen Brücke: Holzknüppel mit Draht
zusammengehalten; zwei Frauen beim Wäschewaschen.
Ein Buschweg führt zurück zum Lagerplatz: Ein aufgescheuchter
Leguan rast mit behender Geschwindigkeit durchs Gebüsch zum Ufer.
Die weitere Fahrt verläuft ohne Besonderheiten. Die Menschen,
die am Ufer stehen, sich waschen oder angeln, grüßen freundlich das vorbeifahrende Boot.
Die Rückfahrt nach Kotu führt über die gleiche Route wie
unser Hinweg.
An einem Nebenarm des Gambia sehen wir eine
Muschel-Förderanlage: Ein riesiger Muschelberg ist am Ufer aufgetürmt, es wird aber
gerade nicht gearbeitet. Die Muscheln finden sich hier überall, werden vor allem als
Beigabe zum Straßenasphalt genutzt.
Nach 18 Uhr bin ich wieder zurück im Hotel.
Organisiert wurde die - durchaus empfehlenswerte - Tour von der
"West African Tours" Ltd.; JPM Bag 222, ISIK; Telefon Bakau 95258 oder 95532
für den allerdings nicht ganz unbescheidenen Preis von 820 Dalasis.
Samstag, 8. Dezember
1990: Kotu Beach Hotel
Ich verbringe einen faulen Tag, allerdings mit einigen
interessanten Gesprächen.
Der afrikanische Assistent des TUI-Vertreters erzählt mir,
dass er außerdem als Journalist arbeite, allerdings nur freiberuflich. Journalisten, die
von ihrem Beruf leben könnten, gebe es in Gambia nicht; alle würden entweder bei einer
Behörde oder im Tourismus arbeiten. Er selbst schreibe ab und zu für "Gambia
Weekly", einem Ministeriums-Blatt. Eine junge Gesellschaft plane nun auch ein
gambisches Fernsehen - aber das alles stünde noch in den Sternen.
Bike ist Händlerin für Silber- und Goldwaren im Hotel. Dabei
ist sie eine harte Händlerin: 325 Dalasis ist ihr erster Preis für einen silbernen
Armreif, auf ganze 300 Dalasis kann ich sie herunterhandeln. Ihre Story: Gleich nach der
Schule fing sie an zu handeln, auch in Schweden beispielsweise, vor allem mit Batiken, und
inzwischen hat sie drei Geschäfte in verschiedenen Hotels. Der Anschein von Wohlstand
täuscht aber vielleicht: "Manchmal verkaufe ich auch nur ein Stück in der
Woche", sagt sie, und ihre Kosten sind sicherlich nicht unbeträchtlich. Auch den
vermeintlich "reichen" Händlern muss Europa wie ein Paradies vorkommen.
Sonntag, 9. Dezember
1990: Kotu Beach Hotel
Ich lege einen weiteren Strandtag ein.
Montag, 10. Dezember
1990: Kotu Beach Hotel
Noch ein Strandtag!
Dienstag, 11.
Dezember 1990: Kotu Beach Hotel
Wieder am Strand! Am Nachmittag höre ich von einer
Hotelmitarbeiterin, dass am Morgen 17 "Beachboys" festgenommen worden seien. Die
Polizei versuche, gegen die ständige Belästigung der Touristen aktiv zu werden.
Mittwoch, 12.
Dezember 1990: Katchikali/Bakau - Banjul
Der Tag beginnt mit einem Ärgernis: NUR hat nicht nur die Tour
in den Senegal, sondern auch die für heute geplante Jeepsafari platzen lassen. Ich nehme
mir vor, daß das für NUR noch ein Nachspiel haben wird. Aber nun begebe ich mich
zunächst wieder alleine auf Tour.
Hinter dem Fajama-Hotel bekomme ich endlich - nach einigen
unseriösen Angeboten - ein Taxi, das mich zu vernünftigen Konditionen zum Krokodilpool
nach Katchikali bringt.
Nichts deutet daraufhin,
dass sich in
Katchikali etwas
besonderes befinden könnte; dem Anschein nach handelt es sich um einen heruntergekommenen
Stadtteil von Bakau - nichts als eine Ansammlung von Blechhütten und Hühnern auf
ungepflasterten Straßen.
Zehn Dalasis kostet der Eintritt zum Krokodilpool in diesem
Viertel: Ein ummauertes Wasserbecken, vielleicht 20 Meter im Durchmesser und sieben Meter
Wassertiefe, wie die Einheimischen versichern.
Auf dem Weg zum Becken liegt ein mittelgroßes Krokodil in der
Sonne, lässt sich sogar streicheln.
Der Tümpel ist völlig zugewachsen, einige Krokodile lugen mit
ihrer Nase aus dem Wasser. Am Ufer liegen trockene Fische, offensichtlich von den
"heiligen" Krokodilen als Nahrung verschmäht.
Die scheinbare Unbeweglichkeit der Reptilien ist erstaunlich.
Zu einer Gruppe von fünf oder sechs Tieren gehe ich bis auf einen Meter heran, aber
keines rührt auch nur die Schwanzspitze.
Rund 50 Krokodile sollen angeblich neben den Fröschen in dem
Pool leben; gesehen habe ich vielleicht etwas über ein Dutzend.
Zu Fuß geht es nun zurück zur Hauptstraße, und schließlich
treibe ich für drei Dalasis ein Taxi nach Banjul auf.
Der Albert-Markt ist heute nicht so überfüllt wie beim
letzten mal. Und so zeigt er sich als ein typischer Dritte-Welt-Markt: Wellblechhütten,
billige Plastikwaren und gebrauchte Textilien aus Europa, eine ganze Straße, in der nur
Fisch verkauft wird - ein Landeplatz der Fliegen.
Die Marktstraße der Fische führt zum Meer, wo die
Fischerboote liegen: buntbemalte lange Boote, viele von ihnen ohne Motor. Was ich bei
meinem ersten Besuch für eine Insel hielt, erweist sich nun als eine Landzunge auf der
anderen Seite des Ufers.
Ich mache noch einige Fotos und trete den Rückweg an.
Donnerstag, 13.
Dezember 1990: Kotu Beach Hotel
Vor dem Rückflug nach Deutschland gönne ich mir einen letzten
faulen Tag am Strand.
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